Die Berliner Gesellschaft : Erst die Einheit, dann die Party

Früher traf man sich mal bei den Kommandanten der West-Alliierten. Eine gute Gesellschaft, wie es sie anderswo gibt, musste sich in Berlin nach der Einheit erst wieder etablieren. 25 Jahre später ist sie heute aufregender denn je. Unsere Reporterin beschreibt den Aufstieg.

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Regierendes Partygirl. Als der Jetset nach Berlin kam, kamen auch die „Partyluder“. ImMai 2000 stieg It-Girl Ariane Sommer in eine Badewanne voller Mousse au Chocolat.
Regierendes Partygirl. Als der Jetset nach Berlin kam, kamen auch die „Partyluder“. ImMai 2000 stieg It-Girl Ariane Sommer in eine...Foto: picture-alliance / dpa

Vielleicht war es der feierlichste Ball-Moment, den Berlin je erlebt hat. Nur wenige Wochen nach dem Fall der Mauer eröffneten Ost-Berliner Balletttänzer der Deutschen Staatsoper den West-Berliner Presseball. Ein Gänsehautgefühl, als die Ballerinas aus dem anderen Weltreich zu den Klängen des Kaiserwalzers übers Parkett schwebten. Anfang Januar 1990 war das Wort „Wahnsinn“ omnipräsent. Noch kaum einer dachte damals an Wiedervereinigung. Aber in der Ergriffenheit jenes Augenblicks lag doch eine Ahnung all dessen, was kommen würde: die große Party „Neues Berlin“.

Im Bann der Stadtkommandanten

Erst mit der Wiedervereinigung blühte das gesellschaftliche Leben wieder auf in Berlin. Im Ostteil hatte man sich zu Mauerzeiten in die privaten Nischen zurückgezogen. Sozialismus und Glamour vertrugen sich nicht. In West-Berlin traf sich die gehobene Gesellschaft bei den Stadtkommandanten der West-Alliierten, die für Sicherheit und Freiheit der Inselstadt garantierten. Das ging weitgehend diskret zu. Nur einmal im Jahr wurde es etwas lauter, wenn bei der Parade auf der Straße des 17. Juni Panzer und Kampfhubschrauber an der VIP-Tribüne vorbeidröhnten. Abseits davon gab es den berüchtigten Berliner Sumpf, jene Melange aus Politikern, Unternehmern und sonstigen Strippenziehern. In die verräucherten Hinterzimmer führten keine roten Teppiche, und keine Kameras säumten die Wege.

Immer mittendrin. Elisabeth Binder, Gesellschaftsreporterin des Tagesspiegels.
Immer mittendrin. Elisabeth Binder, Gesellschaftsreporterin des Tagesspiegels.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Lediglich zwei Ereignisse im Jahr erreichten die Öffentlichkeit ziemlich zuverlässig. Zum einen die Berlinale-Eröffnung. Ursprünglich hatten die Amerikaner das Filmfestival als Propagandainstrument gegen den Osten erfunden. Entsprechend glamourös wurde es mit Hollywood-Stars inszeniert. Und dann gab es, lange vor dem Umzug des Bundespresseballs von Bonn nach Berlin, den Berliner Presseball im ICC, ein Pflichttermin für alle, die in Berlin eine gesellschaftliche Stellung behaupten wollten. Auch dort hielten die Stadtkommandanten Hof. Die Tombola war in jenen Zeiten, als die Senatsreserve für den Fall einer erneuten Blockade noch eine Rolle spielte, meist gut bestückt mit praktischen Haushaltsgeräten.

Das wiedervereinigte Berlin sortiert sich

Nach der Wiedervereinigung gab es plötzlich Bedarf für neue Formen des Zusammenkommens. Vieles ergab sich zufällig, man experimentierte, es waren auch in dieser Hinsicht Jahre des Aufbruchs. Bald sondierten „Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien“ das Terrain. Spätestens nach dem Umzugsbeschluss 1991 war klar, dass sich in Berlin eine neue gehobene Gesellschaftsschicht etablieren würde mit Politikern, Diplomaten, Landesvertretern, Spitzenmanagern, Lobbyisten und Künstlern. Die Alteingesessenen mussten sich neu sortieren.

Isa Gräfin von Hardenberg war schon als Schülerin beliebt gewesen für ihr Talent, schöne Feste zu organisieren. Das tat sie nun, Anfang der 90er Jahre, in ihrer Zehlendorfer Villa. Und die alteingesessenen Berliner, die dabei waren, staunten über den weltläufigen Charme dieser Feste, die Kombination aus einer gelungenen Gästemischung aus Wirtschaft, Kultur und Politik, feinen Speisen und einem entspannt eleganten Ambiente. Genau so etwas wollte Bernd Schultz, der Chef des Auktionshauses Villa Grisebach, seinen Kunden auch gern bieten. Es war die Zeit, in der man schöne Feste als Werkzeug zur Gewinnung und Pflege von Geschäftspartnern entdeckte. Zunächst nahm Schultz die Hilfe als Freundschaftsdienst an, aber das ging auf Dauer nicht. Also überredete er die studierte Lehrerin, ihr Talent zu professionalisieren. Die gründete ein Unternehmen, engagierte „Töchter aus gutem Hause“ als Hostessen und wurde so zu einer Pionierin der Eventbranche.

Die schon wieder. Noch vor wenigen Jahren war es Stadtgespräch, wenn die Stones zur Berlinale kamen. Heute ist Berlin cooler.
Die schon wieder. Noch vor wenigen Jahren war es Stadtgespräch, wenn die Stones zur Berlinale kamen. Heute ist Berlin cooler.Foto: picture alliance / dpa

Nur Außenseiter gaben sich der Illusion hin, professionell organisierte Partys seien zum Vergnügen da. Viele nahmen sie als das, was sie waren: Arbeit – mit dem Glas in der Hand und einem Lächeln auf den Lippen. Wer die Räume gut durcharbeitete, konnte vieles en passant erledigen. Einmal ging es darum, im Mai einen Gesprächstermin mit einem bekannten Verleger zu bekommen. Die Sekretärin sagte, ja, da gebe es eventuell diesen Mittwochnachmittag im Oktober, allerdings müsse sie da noch Rücksprache … Ein paar Tage später, bei einer Preisverleihung im Französischen Dom, saß der Verleger direkt auf der anderen Seite des Mittelgangs. Während Laudatoren und Preisträger aufmarschierten, plauderte man über das Thema. „Ein Treffen? Kein Problem“, sagte er. „Wie wäre es mit morgen um elf?“

Anfang der 90er Jahre lud der frühere Kölner Sozialarbeiter Manfred Schmidt während der Internationalen Funkausstellung zu ersten Medientreffs ins Hotel Esplanade. Finanziert wurden diese Partys von Unternehmen, zum Beispiel aus der Telekommunikationsbranche. Es trafen sich Minister, Unternehmensvorstände und Moderatoren zu Speis und Trank, aber vor allem zum Netzwerken. Dabei entstand so manche Talkshow-Runde, die später im Fernsehen zusammenkam. Etwa zur gleichen Zeit begannen die Hamburgerin Alexandra von Rehlingen und die Münchnerin Andrea Schoeller, die auf einer Restaurant-Serviette ihr gemeinsames PR-Unternehmen gegründet hatten, mit der Event-Arbeit, vor allem zum Ruhme der Modeindustrie.

Finanziert wurden die Events meist von Unternehmen, die Aufmerksamkeit brauchten und keine Ahnung hatten, wen sie einladen sollten. Neben den Bällen wurden im Laufe der Zeit vor allem Charity-Events und Preisverleihungen immer wichtiger. Live im Fernsehen übertragen bedeuteten „Bambi“ oder „Goldene Kamera“ für die veranstaltenden Verlage stundenlange Werbung für die eigenen Produkte, und dem Image half es auch, wenn internationale Stars sich artig für die güldenen Trophäen bedankten. Und anschließend konnten auf der After-Show-Party neue Kooperationen angeschoben werden.

Macht mal Lala! Mit dem Regierungsumzug kam 1999 die große Politik nach Berlin.
Macht mal Lala! Mit dem Regierungsumzug kam 1999 die große Politik nach Berlin. Der Bundespresseball dieses Jahres ist ein...Foto: picture-alliance / dpa

In den nuller Jahren wurden Events zum Gegenstand systematischer Berichterstattung in Print und Fernsehen. In der zunächst völlig unübersichtlich neu sich bildenden bürgerlichen Gesellschaft brauchte es schließlich Informationen darüber, wo die Musik spielte und wer die Trommel schlug. Das Ausrichten großer Feste wurde besonders unmittelbar nach dem Regierungsumzug zu einem beliebten Selbstdarstellungsinstrument von Unternehmen und Lobbyisten. Der höchste Ritterschlag für ein Fest war das Erscheinen des Bundeskanzlers, später der Bundeskanzlerin. Die auch mal bei Partys großer Medien wie dem „Stern“ auftauchte, beim ZDF oder bei den Landesvertretungen. In einer Ecke auf einem solchen Abend konnte man vielleicht den inzwischen verstorbenen Maueröffner Günter Schabowski treffen, der einmal völlig unvermittelt erzählte, dass er gerade sein erstes Bier nach der Haftentlassung trank. Auch Minister waren gern gesehen. Allerdings legte man Wert darauf, die Macht mit Schönheit zu vermischen. Schauspielerinnen und Models halfen, das Bild gefällig und medientauglich zu halten. Je weniger Programm, desto besser – reden will man schließlich selber.

Nicht alles fand vor laufenden Kameras statt. Während Gerhard Schröder damals in Brioni-Anzügen die Toskana-Fraktion pflegte, standen hinter den Kulissen in manchen hauptstädtischen Salons schon die Zeichen auf Veränderung. Als Angela Merkel als Bundeskanzlerin vereidigt wurde, saßen auf der Zuschauertribüne Friede Springer, Isa von Hardenberg, Inga Griese und Sabine Christiansen. Wie viele andere Damen der Gesellschaft hatten sie Merkel beratend in der einen oder anderen Weise geholfen, das Image von „Kohls Mädchen mit den Rüschenblusen“ abzustreifen, um auch stilistisch kanzlertauglich zu werden.

Neue Traditionen

In den 90er Jahren ging man noch etwas bescheidener an die Vernetzung heran, der große Jahrmarkt der Eitelkeiten war noch nicht eröffnet. Die Botschaften waren noch in Bonn. Aber sie hatten Außenstellen in Berlin, und dort entfaltete sich durchaus ein reges gesellschaftliches Leben. Miss Rosemary Spencer, die Gesandte der Briten, etablierte einen Kreis von anglophilen Repräsentanten aus Kultur, Wirtschaft und Politik um sich herum. Der Gesandte der Amerikaner, Joel Levy, erfand im Zusammenwirken mit dem damaligen Botschafter Richard Holbrooke die „New Traditions“, neue Traditionen, die in Gestalt von Institutionen oder Stiftungen helfen sollten, den Abzug der West-Alliierten im September 1994 zu verkraften, ohne dass die alten Bande zu den USA verloren gingen.

Auf diese Weise entstand die American Academy, die sich unter der Führung von Gary Smith rasch zum hochkarätigen Treffpunkt für Intellektuelle und Künstler aus Berlin und den USA etablierte und heute als Leuchtturm gilt, der weit ins Land hinein strahlt. Der Dramatiker Arthur Miller setzte als Eröffnungsgast die Standards für das Niveau, das hier nach wie vor angestrebt wird.

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