Berlin : Die Berliner Krankheit

Viele Berufsanfänger sind kurzzeitig arbeitsunfähig. Die DAK will den Attest-Zwang trotzdem mildern

Ingo Bach

Junge Berufsanfänger in Berlin sind Spitze – beim Kranksein. Sie bleiben öfter für ein paar Tage zu Hause als ihre Altersgenossen im Bundesdurchschnitt. Die 15- bis 19-Jährigen werden zehnmal so häufig für maximal drei Tage arbeitsunfähig geschrieben wie ihre über 60-jährigen Kollegen. Bundesweit liege dieses Verhältnis bei nur fünf zu eins, heißt es im gestern vorgestellten Gesundheitsreport 2004, den das Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) im Auftrag der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) erarbeitete.

Als einen möglichen Grund für dieses typisch Berliner Phänomen vermutet Désirée Niemann vom IGES die „Verlockungen der Großstadt“, die wohl manchen Jugendlichen zum „Blaumachen“ verleiteten. Auch der Chef der ostdeutschen DAK-Landesverbände Herbert Mrotzeck sieht dahinter ein Problem der Arbeitsmoral. Doch ebenso gelte, dass Jugendliche oft intensiv Sport trieben – und sich dabei manchmal beispielsweise eine Verstauchung zuzögen, weshalb sie einige Tage zu Hause bleiben müssten.

Trotz der „Großstadtverlockungen“ will die DAK den Zwang für Kurzzeitkranke, sich einem Arzt vorzustellen, mildern. Die Arbeitgeber verlangten oft schon am ersten Tag eine Krankschreibung, kritisierte DAK-Chef Mrotzeck – gesetzlich vorgeschrieben ist das Attest erst ab dem vierten Krankheitstag. Die Folge: Auch Arbeitnehmer, die „nur“ Kopfschmerzen hätten oder einen verdorbenen Magen, müssten sofort zum Doktor, obwohl sie sich selbst kurieren könnten. Und das führe zu jährlich 60000 unnötigen, kostentreibenden Arztbesuchen in Berlin, sagt Mrotzeck. Bundesweit sind es nach DAK-Berechnungen sogar 1,4 Millionen.

Der ostdeutsche Kassenchef forderte die Arbeitgeber auf, ihre Regeln zu überprüfen. Viele Personalchefs fordern das frühe Attest vor allem deshalb, weil sie hinter den Kurzzeit-Krankschreibungen Missbrauch vermuten. „Die Frage ist, wann der volkswirtschaftliche Schaden größer wäre“, sagt Thorsten Elsholtz, Sprecher der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg: „Bei eventuell unnötigen Arztbesuchen zu Lasten der Kassen wegen des Attests oder durch die dann wegfallende Hürde für Blaumacher.“

Dass Misstrauen manchmal verständlich ist, zeigt der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK). Bei Verdacht lädt er krankgeschriebene Versicherte zu einer Untersuchung ein. Von den 2700 im vergangenen Jahr im Auftrag der DAK eingeladenen Kranken meldeten sich 900 gar nicht erst – waren also automatisch gesund. Weitere 870 wurden von den MDKÄrzten gesundgeschrieben.

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