Berlin : Die Berliner Wirtschaft will dem Balkan helfen - und Geld verdienen

Claudia Lepping

Wolfgang Branoner meint es gut. Er meint es gut mit Berlin und seiner Wirtschaft, denn das ist sein Job als Wirtschaftssenator. Und er meint es gut mit dem Kosovo, diesem geschundenen Teil des Balkans, in dem seit sieben Wochen der Krieg beendet ist, aber der Hass wohl bis auf weiteres Alltag bleibt. Also ist Wolfgang Branoner dort hingefahren, eine Delegation der Berliner Wirtschaft im Schlepptau, um zu schauen, "wie der Bedarf ist", und um zu erkunden, wie die Berliner dort helfen und dabei auch was verdienen können. Das ist nicht nur gut gemeint, sondern vor der Berliner Wahl auch hilfreich für den Regierenden Bürgermeister, dem es wichtig ist, solche Projekte durch- und vorzuführen.

Alba Berlin hat ja schon gezeigt, wie das funktionieren kann: In Zentral-Bosnien haben die Müllverwerter von der Spree an diesem Sonntag eine Filiale mit 70 Arbeitnehmern eröffnet, der Mutterkonzern beteiligt sich mit 60 Prozent. Motiviert arbeiten Chefs und Angestellte an dem Versuch mit, in einem Land mit Hunderttausenden Binnenflüchtlingen so etwas wie Marktwirtschaft auf die Beine zu stellen. Auch hier ist Wolfgang Branoner dabei. Stolz und mit fast staatsmännischem Impetus freut sich der Senator, "dass sich Berlin und Deutschland beim Aufbau Bosniens so engagieren". Dennoch wollen die einheimischen Medien lieber die Gebrüder Schweitzer aus dem Alba-Vorstand vor die Kamera zerren, weil die so dezent, aber konsequent auftreten bei ihrem Versuch, den 120 000 Menschen in Zenica und Umgebung auf die Sprünge zu helfen. Wolfgang Branoner klettert derweil auf die Umrandung eines Blumenkübels und betrachtet die Kulisse, eine Melodie pfeifend, doch niemand bittet ihn vors Mikrofon. Auch nicht, als er ein paar Meter in die Fußgängerzone von Zenica geht und sich das aktuelle Kinoprogramm anschaut. Vier Filme, gute Streifen dabei, sagen die Leute hier.

Alba führt erfolgreich Regie, aber eine große Rolle spielt die Berliner Wirtschaft in Bosnien nicht. Stattdessen haben deutsche Bundesländer und Kommunen Milliarden investiert, um die vetriebenen Menschen in Deutschland drei Jahre lang zu versorgen. "Flüchtlinge", sagt der Senator in Bosnien: "Wir sind prädestiniert für die Betreuung von Flüchtlingen. Eine halbe Million Mark bringt allein das Land Berlin im Jahr dafür auf, Bosnien-Flüchtlinge mit Sozialhilfe zu versorgen." Und jetzt noch 13 000 Vertriebene aus dem Kosovo; das ist auf Dauer teuer. Zu teuer. Sie sollen ermutigt werden, nach Hause zu gehen. Nicht allein und ohne Unterstützung, die Berliner Wirtschaft will ihnen helfen. Berlin - Bosnien - Kosovo - Osteuropa? Kann das die Route sein? Sie soll es sein. Jetzt also Kosovo, an die Arbeit.

Die Konkurrenz schläft nicht, es geht ums Geld. Mit 2,1 Milliarden Euro will die Europäische Union mittelfristige Projekte fördern, die helfen sollen, die Kriegsschäden im Kosovo zu beheben. Schon bald wird es die ersten Ausschreibungen geben, und fast 200 Berliner Firmen haben spontan erklärt, mitmachen zu wollen. Für das Engagement dieser mittelständischen Unternehmen gibt es unter der Schirmherrschaft von Berlins Regierendem sogar einen Sonderkoordinator für Mittel- und Osteuropa, Wolfram Martinsen. Ganz heiß seien einige Firmen schon, sagt er. "Berlins Wirtschaft muss sich aber für die EU-Ausschreibungen qualifizieren", zitiert Martinsen die Bedingungen. Deshalb halten die Berliner Unternehmen im Kosovo nach Projekten Ausschau, die zu ihrem Angebot passen. "Soforthilfe ist unmöglich", räumt Martinsen ein. Ein Büro soll im Kosovo eingerichtet werden, mit bis zu drei Mitarbeitern, die mit Sprache und Mentalität vertraut sind. Das große Ziel hat er darüber hinaus fest im Blick: "Es geht um die Überwindung des Krieges, um den Wechsel von der Plan- zur Marktwirtschaft. Der Balkan muss sich den internationalen Wettbewerbsbedingungen stellen." Berlins Wirtschaft scheint bereit. Also hin und los, hat sich auch Diepgen gedacht und seinen Wirtschaftssenator geschickt.

Da ist er. Steht beim Koordinierungsbüro der deutschen Bundesregierung in Prizren auf der Matte, auch wenn niemand dort weiß, was die Delegation eigentlich will. Branoner ist einfach mal hingefahren, um zu schauen, und jetzt sind seine Gesprächspartner etwas verwundert. Sie hätten ihm doch so einfach ein paar Kontakte herstellen können. Ja, es hätte recht bequem und effizient sein können, die Region mit Dolmetschern und Ortskundigen kennen zu lernen. Stattdessen der unangemeldete Besuch in einem Dorf mit einigen hundert Einwohnern, dessen Bürgermeister sich die Augen reibt, als Branoner loslegt: "Wir sind eine Wirtschaftsdelegation aus Berlin und wollen herausfinden, ob wir helfen können." Eine Patenschaft für eine Stadt oder ein Dorf, da ist sich der Senator sicher, würde Berlin ein gutes Image verschaffen. Als Empfehlung für die EU-Ausschreibung. Doch die Zeit drängt, und der überforderte Bürgermeister muss sich in diesen zehn staubigen Minuten am Rande des Schwimmbades auch nicht gleich entscheiden. Aber gut gemeint ist es von Berlin, bestimmt.

Und besser als der Auftritt zuvor im Krankenhaus von Prizren, ebenfalls unangemeldet. Peinlich berührt verließ ein Teil der Delegation nach wenigen Minuten das überbelegte Gebäude, nachdem sich der Senator beim Besuch der Intensivstation filmen ließ, manch einer zwischen den Betten fotografierte oder einen Patienten mit offenem Knochenbruch und Krücken fast überrannte. Ein Drängeln und Schieben auf der Suche nach der Delegationsspitze, aus Angst, Informationen über die Bedürfnisse der Patienten oder die Ausstattung des Krankenhauses zu verpassen. Kein Staunen über die zwei UCK-Kämpfer auf dem Flur. Die Delegation trifft auf einen gestressten albanischen Chefarzt, dessen Assistenten die Fragen nach Bedarf und Angebot spontan aus dem Deutschen oder Englischen übersetzen sollen. Als Dolmetscher sind sie so wenig ausgebildet, wie ihr Chef berechtigt ist zu verhandeln. Als der zuständige deutsche KFOR-Sanitätsarzt zufällig eintrifft, ist die Situation gerettet. Information statt Aktion. Der Kinder- und Frauenabteilung und der Chirurgie, so viel steht am Ende fest, könnte Berlin helfen. In den nächsten Tagen will Branoner die Reise der Delegation mit den interessierten Berliner Firmen analysieren. Wolfgang Branoner meint es gut.

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