Berlin : Die Besatzer aus dem Traumland

Die Guten kamen aus Amerika: Wie West-Berliner die fremden Truppen im Juli 1945 erlebten

Lars von Törne

Mit den Amerikanern kam das Staunen. „Solche Menschen hatte ich ja noch nie gesehen“, schrieb die damals 16-jährige Christa Ronke viele Jahre später in ihren Erinnerungen. Die Soldaten, die dem Mädchen Anfang Juli 1945 auf dem Weg zu ihrer Zehlendorfer Schule entgegenkamen, waren dunkelhäutig. „Sie waren fröhlich, beguckten uns neugierig und fanden bald die deutschen ,Fräuleins’ sehr reizvoll“, schreibt Christa Ronke, die ihre Aufzeichnungen dem Tagesspiegel geschickt hat.

Ausländische Soldaten kannten die Berliner zu dieser Zeit zwar schon zur Genüge. Fast zwei Monate lang hatten die Russen die Stadt unter ihrer alleinigen Kontrolle gehabt. Aber die Soldaten der westlichen Mächte, vor allem die Amerikaner, die ab dem 1. Juli in die westlichen Stadtbezirke einmarschierten, waren anders: „Das waren Menschen aus einem weit entfernten, reichen Land – Amerika – für uns ein unerreichbares Traumland“, erinnert sich Christa Ronke. „Wir waren froh, die Russen los zu sein und erwarteten mit Hoffnung die neue Besatzung.“

Für manche Berliner war jedoch auch die Machtübernahme der Westalliierten im Juli 1945 von neuen Ängsten begleitet. „Nun gibt es für uns ein neues Zittern, nämlich dass unsere Häuser beschlagnahmt werden“, schreibt die Journalistin Margret Boveri in ihren Erinnerungen. Die 1975 gestorbene Publizistin lebte damals in Dahlem und berichtet von einer Straße, in der nur vier Häuser noch nicht von Amerikanern besetzt worden waren. „Meistens müssen die Leute innerhalb von zwei Stunden heraus (manchmal auch innerhalb von sechs). Ihre persönlichen Sachen dürfen sie mitnehmen, die Möbel und Haushaltsausstattung müssen sie lassen. Und so sieht man also nun wieder traurige Grüppchen von Koffer und Säcke schleppenden Menschen durch den unaufhörlichen Regen über die Straße ziehen.“

Verglichen mit den zahllosen Vergewaltigungen und nicht enden wollenden Plünderungen der russischen Soldaten in den Wochen zuvor erleben die meisten Berliner die Ankunft der neuen Besatzer allerdings als Erlösung. „Sie brechen nicht in die Häuser ein und vergewaltigen nicht. Und ich gehe nun zum ersten Mal seit Monaten ins Bett, ohne meine Papiere, Füllfeder, Geld usw. griffbereit zu haben“, schreibt Margret Boveri.

Dennoch war das Verhältnis zwischen Berlinern und Westalliierten gerade in den ersten Wochen ambivalent. In jedem Sektor Berlins gab es laut Boveri die Überzeugung, man habe die allerschlimmste Besatzungsmacht erwischt: „Die Grunewalder und Charlottenburger seufzten unter den Briten und beneideten Zehlendorf und Steglitz um die Amerikaner, die Leute in Frohnau und im Wedding hielten die Franzosen für die bösartigsten.“

Die Kontakte zwischen Besatzern und Einheimischen waren anfangs zurückhaltend. Offiziell war es den Soldaten nämlich verboten, mit Einheimischen zu „fraternisieren“, und diejenigen Berlinerinnen, die sich trotzdem mit Soldaten einließen, waren schnell als „Ami-Liebchen“ verschrien.

Andererseits verbanden viele Berliner mit der Viermächteverwaltung die Hoffnung, dass es mit ihnen nach den Jahren der Entbehrung doch wieder bergauf gehen könnte. „Der Friseur sagte, sie würden nun Berlin mit ihrem Geld unverzüglich wieder aufbauen“, hat Margret Boveri notiert. „Dabei kann Berlin, nachdem alles Arbeitsmaterial abgeschleppt wurde, ja nicht einmal die jetzt dezimierte Bevölkerung mit Arbeit versehen und ernähren.“

Auch wenn manche Erwartungen an die Westalliierten unrealistisch waren – vielen Berlinern brachten sie im Sommer 1945 zumindest Arbeit und Essen, zwei seltene Güter in jener Zeit.

Auch für Christa Ronke waren die Amerikaner die Retter in der Not. Die 16-Jährige, die es vor Hunger an manchen Tagen kaum noch in die Schule schaffte, bekam im Sommer 1945 eine Stelle als Serviererin in einem amerikanischen Offiziers-Restaurant, das in Zehlendorf eingerichtet worden war. „Nun konnte ich mich endlich wieder richtig satt essen.“

Außerdem lernte sie etwas über amerikanische Umgangsformen: „Einmal wäre ich beinahe entlassen worden, weil sich ein Offizier über mein ernstes Wesen beschwerte“, schreibt sie. „Ich musste also das ständige Lächeln – keep smiling – beim Bedienen der gut genährten, stolzen Offiziere lernen, um satt und warm durch den Winter zu kommen.“

Exotisch für die Berlinerin waren auch die ersten Begegnungen mit den Errungenschaften der amerikanischen Marktwirtschaft: Zwei weibliche US-Offiziere, die Christa Ronke einmal zu bedienen hatte, trugen – ganz im Gegensatz zu den wollenen, selbst gestrickten Strümpfen der deutschen Frauen – hauchdünne Strümpfe – Nylonstrümpfe! „Die fand ich toll, denn sie machten so schöne Beine“, schwärmte Christa Ronke hinterher. Und es beschäftigte sie die Frage: „Ob es die bei uns auch mal geben würde?“

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