Berlin : Die besten Bürgerämter gibt es im Osten

Laut PDS-Studie sind West-Bezirke unflexibler. Trotz langer Wartezeiten wird Personal nicht verstärkt

Sabine Beikler

Eigentlich wollte Christoph S. nur schnell und unbürokratisch einen neuen Personalausweis beantragen. Doch als er vor eineinhalb Wochen eine Viertelstunde vor Öffnung des Bürgeramtes in der Kreuzberger Yorckstraße eine Wartenummer ziehen wollte, waren schon weit über hundert Wartende vor ihm dran. Den nächsten Anlauf machte er am vergangenen Freitag im Bürgeramt Schlesische Straße. Um fünf vor acht Uhr zog er die Nummer 16. Um kurz vor halb neun war gerade mal Nummer 2 aufgerufen. Ein Mitarbeiter des Amtes sagte ihm, er müsse Wartezeiten von vier bis fünf Stunden einkalkulieren.

Kreuzberg ist kein Einzelfall. Auch in Mitte oder Reinickendorf müssen Bürger lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Zurzeit gibt es berlinweit 55 Bürgerämter, bis 2006 sollen es 60 sein. Ende Oktober 2002 wurden Dienstleistungskriterien eingeführt, die bis Ende 2003 erfüllt sein sollten. Wie bürgernah sind die Bürgerämter tatsächlich? Eine gestern vorgestellte Studie des PDS-Verwaltungsexperten Peter-Rudolf Zotl kommt zu folgenden Ergebnissen: Lichtenberg, Pankow und Treptow-Köpenick nehmen die ersten drei Plätze ein, gefolgt von Spandau, Marzahn-Hellersdorf und Tempelhof- Schöneberg. Schlusslichter sind Reinickendorf, Friedrichshain-Kreuzberg, und Steglitz-Zehlendorf.

Zwei Studentinnen der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege haben im Auftrag der PDS-Fraktion allen Bürgerämtern auf den Zahn gefühlt und mehrere Parameter getestet: das Leistungsangebot, die Mehrsprachigkeit der Anträge und der allgemeine Eindruck der Bürgerfreundlichkeit. Dazu zählen zum Beispiel Parkmöglichkeiten, Infotresen, öffentliche Kopierer, Kinderfreundlichkeit, Sitzgelegenheiten, Diskretion und auch die Atmosphäre.

PDS-Politiker Zotl führt das Ost- West-Gefälle darauf zurück, dass die Ost-Berliner Verwaltungen im Zuge des Verwaltungsumbaus nach der Wende offenbar besonders offen und experimentierfreudig sind. „Die Verwaltung in Ost-Bezirksämtern ist flexibler als in West-Berliner Bezirken“, stellt Klaus Ulbricht, SPD-Bezirksbürgermeister in Treptow-Köpenick, fest. Marlies Wanjura, CDU-Bezirksbürgermeisterin von Reinickendorf, nimmt das Ergebnis der Studie als „konstruktive Kritik“ auf. „Wir bemühen uns, immer besser zu werden.“

Dass Friedrichshain-Kreuzberg oder Mitte so lange Wartezeiten haben, liegt auch daran, dass viele Bürger ihre Behördengänge mit dem Weg zur Arbeit in der Innenstadt verbinden. Doch trotz des großen Andrangs erhalten die zentralen Bezirke das Personal nicht nach Bedarf, sondern nach ihren Einwohnerzahlen. „Wir haben 53 Mitarbeiter in drei Bürgerämtern. Uns fehlen neun Stellen, die wir über den Stellenpool beantragt haben“, sagt Cornelia Reinauer (PDS), Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg. „Natürlich sind wir um guten Service bemüht.“ Das nützt Christoph S. allerdings nichts. Er will keinen Personalausweis mehr beantragen. Einen Reisepass hat er. Und der ist auch noch eine Weile gültig.

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