Berlin : Die bewegte Frau

Für Nofretete ist es die letzte Lange Nacht in Charlottenburg. Sie zieht um – erst ins Kulturforum, dann auf die Museumsinsel

Constance Frey

Für Ausgrabungsleiter Ludwig Borchardt war es eine Nikolausüberraschung. Solch eine Büste, die er am 6. Dezember 1912 in der historischen Stadt Armana fand, fehlte in der ägyptologischen Sammlung Berlins. Dass die Dame, die dort kopfüber im Sand lag, Nofretete war, die Frau des Pharao Echnaton, ahnte er nicht. Auch nicht, dass die schöne Ägypterin eines der bekanntesten Gesichter Berlins werden sollte

Letztmalig kann Nofretete am heutigen Sonnabend bei einer Langen Nacht der Museen am Standort Charlottenburg bestaunt werden. Einen Monat lang steht sie noch dort, dann kommt die Büste am 28. Februar in einer Klimakiste zum Kulturforum am Potsdamer Platz. „In der Kiste bleibt die Temperatur bei 18 bis 20 Grad und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit stabil“, sagt Olivia Zorn, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Ägyptischen Museum.

In den Sonderausstellungshallen am Matthäikirchplatz bildet die Nofretete ab dem 1. März das Hauptstück der Sonderausstellung „Hieroglyphen um Nofretete“, die bis zum 2. August gezeigt wird. Dann reist die Schöne weiter ins Alte Museum, wo sie ab 3. August der Star einer anderen Ausstellung sein wird – es wird eine verspätete Rückkehr auf die Museumsinsel sein.

Seit die Nofretete-Büste im Haus des Bildhauers Thutmosis ausgegraben wurde, ist sie viel herumgereicht worden. 1913 kam die Kalksteinbüste mit Gipsergänzungen zusammen mit anderen Ausgrabungsstücken nach Berlin. Einige Objekte wurden im Neuen Museum ausgestellt, doch Nofretete wurde erst 1923 der Öffentlichkeit präsentiert. Schon damals meldete sich die ägyptische Regierung, um Nofretete, was „Die Schöne ist gekommen“ bedeutet, gegen ein anderes Objekt auszutauschen. 15 Jahre lang verhandelten beide Seiten, dann brach die nationalsozialistische Regierung die Gespräche ab.

Ab 1942 wurde es dunkel um die Nofretete. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde sie mit anderen Kunstwerken in ein Harzer Bergwerk ausgelagert. Obgleich die Sammlung im Bergwerk nicht gegen Diebstahl geschützt war, ging die Büste in den Kriegswirren nicht verloren. Amerikanische Soldaten entdeckten sie zum Kriegsende und brachten sie in ein Zwischenlager nach Frankfurt am Main. Von dort aus wurde die Nofretete zusammen mit anderen Kunstwerken Ende der 40er Jahre zu einer Sonderausstellung nach Wiesbaden gebracht. 1956 kehrte die Büste zurück nach Berlin, zunächst nach Dahlem, wo die Museen den Krieg relativ unbeschadet überstanden hatten. Elf Jahre später kam sie ins Ägyptische Museum nach Charlottenburg.

Andere Teile der Ausstellung wandern in den nächsten Monaten nach Mexiko und Japan. Die ägyptische Königin bleibt hier. „Im Ausland wäre sie nicht mehr unter dem Schutz der deutschen Rechtsprechung“, sagt Olivia Zorn. Zwar schrieben auch im Tagesspiegel bereits Rechtsexperten, die Büste sei legal in deutschen Besitz übergegangen. Doch die ägyptische Regierung stellt seit Jahrzehnten Rückführungsforderungen, und deutsche Forscher fürchten, dass die Nofretete im Ausland zurückbehalten werden könnte. „Sie wäre nicht ersetzbar“, sagt Olivia Zorn. Die Berliner Museumsleute muten der Büste aber noch einen weiteren Umzug zu: „Wenn alles gut geht“, sagt Olivia Zorn, „dann eröffnen wir am 12. Oktober 2009 die ägyptische Sammlung im Neuen Museum.“ Und dann, so Pharao will, hat Nofretete eine endgültige Heimat gefunden.

Die Nofretete ist von 18 bis 24 Uhr Teil der Führungen im Ägyptischen Museum, Schloßstraße 70, Charlottenburg.

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