Berlin : Die bewegte Frau

Der Lyceum-Club feiert 100-jähriges Bestehen und erinnert sich an eine außergewöhnliche Gründerin

Elisabeth Binder

Sie wäre heute noch ein Vorbild, aber 1889 war sie fast eine Sensation. Die Kunstfreundin Hedwig Heyl hatte nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes nicht nur die Vormundschaft für ihre fünf Kinder übernommen, sondern auch die Leitung der Fabrik. Nebenbei fand sie noch Zeit, in Berlin einen internationalen Frauenkongress zu leiten, auf dem heftig diskutiert wurde über die Frauenbewegung in England. Dort war kurz zuvor der Lyceum-Club für berufstätige Frauen entstanden, benannt, nach dem Tempel, in dem die antiken Philosophen lehrten. Zur Vorsitzenden eines der ersten Schwesternclubs wurde 1905 in Berlin Hedwig Heyl gewählt.

Von ihr ist dieser Tage viel die Rede, denn die Frauen des Lyceum-Clubs verehren sie noch heute sehr und sind zu einem internationalen Treffen zusammengekommen, um das 100. Clubjubiläum mit einem Festakt, einer Bootsfahrt und einem gemeinsamen Opernbesuch zu feiern.

In der Potsdamer Straße 118 mieteten sich die Frauen 1905 ein Gebäude mit 40 Gästezimmern, einem Billard- und Leseraum und einem Laden für den Verkauf von Kunstwerken. Allerdings gab es bald wirtschaftliche Probleme wegen des Restaurants, das einfach nicht lief. Frauen waren damals noch viel zu sehr gewöhnt, in ihren Wohnungen zu essen. Auch späte Club-Dinners mit Abendgarderobe, die zur britischen Tradition des Clubs gehörten, ließen sich in Berlin nicht durchsetzen. Deshalb machte sich der Berliner Club bald unabhängig von den Londoner Schwestern. In Arbeitsgruppen beschäftigten sich die Frauen zum Beispiel mit den Themen Kunst und Kunstgewerbe, Literatur, Musik, Wissenschaft und Journalismus.

Die Frau des Bundespräsidenten ist traditionell Ehrenmitglied des Clubs, der viele Künstlerinnen angezogen hat. In einem Grußwort zum 100. Geburtstag nennt Eva Louise Köhler die Namen großer Frauen, die den Club vorangebracht haben, zum Beispiel die Schriftstellerin Ricarda Huch und die Frauenrechtlerinnen Helene Lange und Gertrud Bäumer.

Aber keine von ihnen hat dem Clubleben einen so starken Stempel aufgedrückt wie Hedwig Heyl. 1909 organisierte sie eine Internationale Volkskunstausstellung im Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz, die ein riesiger Publikumserfolg war. Sogar die Kaiserin kam zu diesem Zweck ins Kaufhaus, was damals einigen Wirbel auslöste. Beflügelt von diesem Erfolg organisierte sie 1912 in den Ausstellungshallen am Zoo eine weitere Ausstellung. Titel: „Die Frau in Haus und Beruf“. Dafür trieb sie bei einer Gasgesellschaft Sponsoring-Mittel in Höhe von einer halben Million Mark auf. Ziel der Ausstellung war es, die unterschiedlichsten Betätigungen mit dem Beruf der Hausfrau gleichzusetzen. Das machte viel Furore, innerhalb eines Monats hatten eine halbe Million Menschen die Ausstellung gesehen. Die Gasgesellschaft bekam ihr Geld zurück, und es blieb sogar noch so viel übrig, dass der Lyceum-Club ein Haus am Lützowplatz kaufen konnte. Von solchen Erfolgen können viele junge Frauennetzwerke nur träumen.

Kontakt über Tel. 20002330

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