Berlin : Die bewegte Stadt

So viele Menschen demonstrierten in Berlin noch nie gegen den Krieg / Wie vor zwanzig Jahren sangen Wecker und Wader gegen Gewalt

Bernd Matthies

Der Geist von Bonn ist nach Berlin umgezogen: Die mit 500 000 größte Friedensdemonstration der Berliner Geschichte erinnerte mit ihrem friedlichen, alle Teile der Bevölkerung umfassenden Charakter an die Blütezeit der Friedensbewegung mit den großen Bonner Kundgebungen Anfang der Achtziger Jahre. Ähnlich wie damals prägten Bürger aller Altersstufen, Familien mit Kindern, Gewerkschafts- und Kirchenmitglieder, Oberschüler und Studenten das Bild; die Angehörigen von Politsekten wie der „MLPD“ und vereinzelte jüngere Schwarzgekleidete wurden von ihnen in die Rolle einer winzigen Minderheit gedrängt, offen auftretende Rechtsradikale waren entgegen ersten Ankündigungen überhaupt nicht zu sehen. Und auf vielen Transparenten wurde deutlich, dass es sich mindestens um ein nationales Ereignis handelte: Dicht aufeinander folgten beispielsweise Gruppen des Friedensbündnisses Bad Gandersheim, der Friedensinitiative Seeheim-Jugenheim und des Berliner Pestalozzi-Fröbel-Hauses.

Wegen der großen Teilnehmerzahl, die vorher von allen Seiten unterschätzt worden war, konnte die Demonstration nur anfangs wie geplant ablaufen. Denn schon zu Beginn dauerte es 40 Minuten, bis die Marschsäule aus westlicher Richtung den Wittenbergplatz passiert hatte. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits 13 Uhr 30 und wer die zentrale Kundgebung an der Siegessäule pünktlich um 14 Uhr erreichen wollte, musste Abkürzungen nehmen; schließlich verwandelte sich der Demonstrationszug aus beiden Richtungen in eine stationäre Großkundgebung vom Großen Stern bis zum Brandenburger Tor. Die Sprache der Transparente hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Neben den bekannten politischen Parolen las man grobe Attacken („Kriegstreiber sind Arschlöcher“) und platte Witze („Lieber Feldbusch als George Bush“) und die Zahl der Wortspiele mit Bush, dem alleinigen und zentralen Feindbild der Demonstration, wollte kein Ende nehmen: „Kein Bushfeuer, sonst Flächenbrand“. Nur ganz vereinzelt klang Kritik an Saddam Hussein an („Bush nach Texas, Saddam in die Wüste“, „Saddam weg, aber ohne Krieg“), einige Koreaner machten auf ihre Angst vor einem möglichen amerikanischen Angriff aufmerksam, und eine Abordnung der iranischen Tudeh-Partei forderte knapp „Stoppt die Kriegspolitiker und ihre Medientruppen“.

Ganz am Ende folgte eine Gruppe von Palästinensern mit einem Plakat, auf dem zur Forderung „Stoppt die zionistische Besatzung“ mehrere Kalaschnikows freudig in die Höhe gereckt wurden – diese keineswegs friedensbewegte Botschaft erregte keinen erkennbaren Unwillen bei anderen Demonstranten. Nur wenige Lastwagen fuhren mit, einer mit einer Gruppe von Trommlern, einer mit einem drastischen Straßentheater, das mit einem Berg blutiger Stoff-Leichen den „Peace made in America“ zu verdeutlichen suchte.

Insgesamt war der Charakter der gesamten Demonstration jedoch auffällig ruhig, erinnerte phasenweise eher an einen Schweigemarsch. Einzelne Sprechchöre wie „Hoch die internationale Solidarität“ weckten eher nostalgische als kämpferische Gefühle, zumal nicht recht klar wurde, wer da eigentlich mit wem solidarisch sein sollte.

Diese Stimmung änderte sich in der Reichweite der großen Lautsprechersäulen am Großen Stern. Die große Bühne war dicht umringt, der Andrang vorn nicht geringer als bei der Love Parade. Die Hauptredner, der Theologe Friedrich Schorlemmer und der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske, machten ihren Standpunkt deutlich, dass ein Krieg nicht das richtige Mittel zur Lösung des Irak-Konflikts sei. Es sei „besser, das System des Diktators zu zermürben, als Land und Leute zu zerbomben“, sagte Schorlemmer, „besser, von Donald Rumsfeld verspottet zu werden, als vor sich selber zum Gespött zu werden.“ Bsirske kritisierte. Saddam Hussein könne machen, was er wolle, denn der Krieg sei längst beschlossene Sache.

Großen Beifall ernteten schließlich die Künstler, die kurze Auftritte beisteuerten: Reinhard Mey mit einer sehnsüchtigen Friedensballade, Konstantin Wecker, der wieder einmal in Zwiesprache mit seinem lang verstorbenen Freund Willy trat und daraus eine aufheizend emotionelle, von Klaviermusik untermalte Rede gegen George Bush entwickelte. „Es ist an der Zeit“ sangen beide zusammen mit Hannes Wader zum Abschluss der Kundgebung - die Renaissance der Friedensbewegung, so scheint es, bringt auch die Garde der alten Liedermacher auf die Bühnen zurück.

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