Berlin : Die Bilder über Berlin

Was hat diese Stadt als Filmkulisse nicht schon alles dargestellt: London, Paris, Moskau, sogar Kabul – und immer wieder sich selbst Ein Spaziergang nicht nur für Kinofreunde zu einigen der berühmtesten Drehorte der Stadt

Thomas Loy

Ein Glaser kittet ein Fenster, während ein Radfahrer in Schlangenlinien über das Pflaster schaukelt. Eine Frau schimpft auf Türkisch aus dem Fenster im zweiten Stock. Straßenszene in Nordneukölln. Aber warum achtet niemand auf die alten Laternen, schwarze gusseiserne Laternen, die aus den Hauswänden ragen wie sonst nirgends in Berlin? Das hier ist nicht nur Neukölln, Uthmannstraße. Das ist auch der „Labesweg“ in Danzig, wo Oskar Matzerath im Kleinbürgermief der elterlichen Wohnung auf seine Blechtrommel eindrosch. 1978 filmte Volker Schlöndorff in der Uthmannstraße einige Szenen für seinen Oscar-gekrönten Film.

Es gibt zwei Berlins, das steinerne und das verfilmte. Das steinerne wurde zerbombt, wird abgerissen und neu gebaut, das verfilmte bleibt erhalten und wächst rasend: 30 bis 40 Produktionen täglich, für Werbung, TV und Kino, meist jeweils mit mehreren Drehorten in der Stadt, die im fertigen Film dann auch schon mal zu einem imaginären Schauplatz zusammengefasst werden. Berlin beweist dabei täglich seine grenzenlose Wandlungsfähigkeit durch Zeit und Raum. Die Stadt kann als Kulisse altmodisch preußisch sein oder postmodern schwebend, kann Moskau, London oder Paris darstellen. Sogar Kabul hat die Stadt schon glaubhaft gemimt, in „Fay Grim“, einem Agentenplot mit Jasmin Tabatabai. Der Pfefferberg, die Schönhauser Allee und die ehemalige Stasi-Zentrale Normannenstraße wurden dabei in die afghanische Hauptstadt verlegt. Die Normannenstraße war natürlich erste Wahl für den Stasi-Film „Das Leben der Anderen“. Die Büros der Mielke-Adlaten sind noch im Originalzustand. Das Stasi-Museum bietet eine geniale Requisitenkammer für Ost-West-Agentenfilme, ein mittlerweile etwas verstaubtes Genre.

Bleiben wir vorerst im Osten der Stadt. Kaum jemand würde der Rummelsburger Bucht schauspielerisches Talent attestieren, und doch wurde hier „Die Legende von Paul und Paula“ gedreht. Pauls Plattenbau in der Singerstraße steht noch, Paulas Altbau gegenüber wurde nach den Dreharbeiten gesprengt – auch eine Art, Paulas romantischen Eskapismus zu kommentieren. Der Weg an der Bucht heißt inzwischen „Paul-und-Paula-Ufer“.

In der Gegend um den Alexanderplatz überlagern sich die Filmschichten. Der Besucher watet tief in den Bildsedimenten der Filmhistorie. 1931 wurde hier Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ inszeniert, mit Verkehrsgewusel und Baustellenchaos – der erste Tonfilm. Zehn Jahre später muss Heinz Rühmann als „Der Gasmann“ aufs Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Im Winter 2003/04 tauchten Matt Damon und Julia Stipes in „Die Bourne Verschwörung“ bei einer Demonstration auf dem Alex in der Menschenmenge unter. Nicht weit entfernt, in der Berolinastraße 21, wohnten zwei Jahre zuvor die Kerners aus „Good Bye, Lenin!“. Mutter Kerner durfte in der Karl-Marx-Allee eine vorbeischwebende – in den Film digital einkopierte – Lenin-Büste bewundern.

Über den Fernsehturm (im Jahr 2001 Drehort für den „Zimmerspringbrunnen“) nähern wir uns dem Ort des Stadtschlosses, das noch stand, als Emil und die Detektive vorbeiliefen. Die Kästner-Verfilmung von 1931 zeigte viele Straßenzüge des alten unzerstörten Berlin, und das Auge will kaum glauben, wenn ihm der Verstand versichert, immer noch am selben Ort zu sein.

Ein Mann, der auf der Brache des Potsdamer Platzes sein altes Café Josty sucht – 1987 war das eine Szene aus dem Wim-Wenders-Film „Der Himmel über Berlin“. Heute würde er sein Café Josty am originalen Ort noch immer nicht finden, obwohl es vorgibt, wieder da zu sein. Der Kaisersaal, verschoben, das Weinhaus Huth zwischen Neubauten – wer soll sich da zurechtfinden. Zum Glück steht wieder die Ampel, Wegmarke in die Vergangenheit. Ihren Vorgänger sieht man auch in „Emil und die Detektive“.

Eine Konstante in der Zeit ist auch das Brandenburger Tor. Billy Wilder, der schon vor der Machtergreifung der Nazis als Drehbuchautor in Berlin arbeitete, kam 1947 in die zerstörte Stadt zurück, um „Eine auswärtige Affäre“ zu drehen. 1961 war er wieder in Berlin, ließ Horst Buchholz für die Ost-West-Komödie „Eins, zwei, drei“ durchs Brandenburger Tor knattern, unmittelbar vor dem Mauerbau, mit einem Luftballon am Auspuff: „Russki Go Home“. Als später die russische Handelsdelegation bei einer Verfolgungsfahrt gegen einen Torpfeiler knallte, geschah das allerdings in einer Kulisse in München, auf dem Gelände der Bavaria-Film.

20 Jahre später ging Roger Moore im James-Bond-Film „Octopussy“ über den Checkpoint Charlie in den Ostteil der Stadt. Die Realkulisse war perfekt, nur die Nahaufnahmen bei der Kontrolle mussten nachgestellt werden. Ost-Berlin fiel in diesen Tagen als Drehkulisse für westliche Produktionen weitgehend aus. Wim Wenders hätte seine Engel gerne auf dem Brandenburger Tor ausruhen lassen, doch christliche Figuren auf sozialistischem Territorium wollte das Politbüro nicht dulden. Wenders wich in den Lesesaal der Staatsbibliothek aus. Das war damals noch ein Ort von engelhafter Stille.

Nach 1990 konnten die Filmemacher endlich nach Mitte und Prenzlauer Berg ausschwärmen. Auf dem Gendarmenmarkt wurde im Sommer 2003 das Schauspielhaus zur Londoner „Royal Academy of Science“, der Deutsche Dom dagegen zur „Bank of England“. Die Produzenten von „In 80 Tagen um die Welt“ mit Hauptdarsteller Jackie Chan gaben sich eher sesshaft. Statt zum Louvre nach Paris zu fahren, begnügten sie sich mit Schloss Charlottenburg. Auch die Reise in die Türkei war ihnen zu mühsam. Aber Arnold Schwarzenegger als Prinz Hapi in der Orangerie von Sanssouci sah ja auch ziemlich orientalisch aus.

Heute um 13.30 Uhr startet Unter den Linden 40 eine multimediale Bustour zu 15 Drehorten mit entsprechenden Filmausschnitten. Info-Tel.: 4402-4450. Empfehlenswert zum Thema ist das jüngst erschienene Buch von Markus Münch: Drehort Berlin. Wo berühmte Filme entstanden. berlin edition im be.bra-Verlag Berlin. 231 Seiten, 19,90 Euro. Zum selben Thema hat jetzt der Berliner Wolbern-Verlag den Reiseführer „Berlin: Reisen – ein Film“ von Michaela Schubert und Wolfgang Bernschein herausgebracht (318 Seiten, 22,80 Euro).

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