Berlin : Die blaue Periode vor dem Marathon

In der Nacht zu Mittwoch kam die geheimnisvolle Linie in die Stadt. Polizeiautos machten dem Markierer die gut 42 Kilometer lange Strecke frei

Stefan Jacobs

Das Eisenschwein ist nicht ganz dicht. Aber Peter Schubert kennt es, er ist ja gewissermaßen mit ihm groß geworden. Er hat es auf ein paar Lagen Packpapier gestellt, damit es seine blaue Pfütze nicht auf die Straße kleckert. Auf die Straße des 17. Juni, Höhe Laterne Nummer 667, um genau zu sein. Hier werden am Sonntag 40000 Läufer zum Berlin-Marathon starten. Wie in jedem Jahr werden sie dem Verlauf der blauen Linie folgen, die sich in einer Nacht kurz vor dem Marathon auf geheimnisvolle Weise quer über Fahrbahnen und Kreuzungen gelegt hat. So, wie einer um den Weltrekord rennen würde, wenn die Straßen frei sind.

Am Dienstagabend um halb neun sind die Straßen aber nicht frei. Deshalb haben sich um Schuberts Eisenschwein drei Polizei-Mercedes und zwei Dutzend Männer vom Sportklub SCC geschart, um mit Fahrrädern, blinklichternden Smarts und Kleinbussen die Strecke frei zu machen.

Schubert steigt auf die altmodische Maschine mit dem Farbfass am Bug, die ihren Namen daher hat, dass sie aus Eisen besteht und schweinemäßig schlecht gefedert ist. Vor ihm steigt Linienexperte Wolfgang Weising vom SCC zu Polizeiobermeister Günter M. („Vorname reicht doch!“) ins Auto. Das soll dem Markierer die Richtung vorgeben. Blaulicht an, Bahn frei, Farbe marsch! Per Funk scheucht der Obermeister eine Kollegin im anderen Mercedes auf den Großen Stern, quer vor die anderen Autos. Pffft-pffft-pffft, macht die Farbdüse unten am Eisenschwein, auf dem Schubert sitzt wie Easy Rider.

Zu Ehren von Sponsor Adidas ist die Linie dreigestreift. „Das Hauptproblem ist, ob die Maschine durchhält“, sagt Weising. Alles andere sind Randprobleme – im Wortsinne: In einer Rechtskurve hinter dem Ernst-Reuter-Platz parkt ein Golf. In der Ideallinie, die nach internationalem Standard 42,195 Kilometer lang zu sein hat und nicht 42,201, weil zufällig ein Auto im Weg stand. Also ran an den Golf, pffft!, dann vorbeigekurvt und vorn neu angesetzt. Eine Linkskurve folgt, Günter und seine Kollegin drängen den Gegenverkehr ab und starten das volle Programm: Tatütata, Stop-Anzeige und blinkende Pfeile auf dem Dach, dazu per Lautsprecher: „Biegense ab!“, „Wartense hier!“

Nach einer Stunde ist das Regierungsviertel erreicht, kurz darauf eine unverhoffte Baustelle auf den Straßenbahngleisen vor dem Friedrichstadtpalast. Günter schnappt sich die Dienstmütze und steigt kurz aus, um die Autos neben den Gleisen wegzulotsen. In der Mitte ist zu Weisings Glück noch die Linie vom Vorjahr erkennbar; Schubert sprüht die neue bis vor die Füße der Bauleute, kurvt vorbei. Weising späht die dunkle Straße entlang und mahnt den Obermeister, nicht der Fahrspur, sondern dem Straßenverlauf zu folgen. Tatütata, pffft, pffft, es geht nach Kreuzberg und auf Mitternacht zu.

Kurz hinter den Yorckbrücken verreckt plötzlich das Eisenschwein. Düse kaputt. Schubert und ein Kollege basteln, die anderen bescheren einem Dönermenschen das Geschäft des Jahres. Nach einer halben Stunde geht es weiter; die Straßen haben sich geleert. Wieder in der City zücken späte Touristen die Digitalkameras, um kurz nach zwei kommt das Ziel in Sicht: Straße des 17. Juni, sowjetisches Ehrenmal, rechter Panzer, linke Kette, Außenkante. Pffft. Geschafft!

Start der Läufer: Sonntag, ab 8.35 Uhr; Skater-Marathon: Samstag, ab 16.30 Uhr.

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