Berlin : Die Botschaft des Regisseurs

Volker Schlöndorff kämpft mit der Hilfsorganisation „Innocence in Danger“ gegen sexuellen Kindesmissbrauch im Internet

Elisabeth Binder

Eigentlich kann man sich gar nicht so recht vorstellen, dass ein international gefeierter Regisseur wie Volker Schlöndorff ernsthaft Zeit hat, sich für soziale Projekte zu engagieren. Und wie jemand, der davon träumt, seine Zeit auf glamourösen Galas zu verbringen, wirkt er nun wirklich nicht. Aber wenn heute ein großer Brunch stattfindet zugunsten von „Innocence in Danger“, der Organisation, die gegen sexuellen Missbrauch von Kindern im Internet arbeitet, ist Schlöndorff dabei. Was ihn antreibt? „Meine kleine Tochter ist zwölf Jahre alt“, sagt er. Das schärft das Problembewusstsein.

Gefährdet sind nämlich gerade behütete Kinder aus guten Elternhäusern, einfach weil sie neugierig sind, weil sie gern herumexperimentieren. Im Internet kennen sie sich zehnmal besser aus als ihre Eltern, da liegt es ja nahe, dass sie die Aufklärung, die Schule und Elternhaus ihnen vermitteln, durch einschlägige und leicht zu erreichende Adressen im Internet ergänzen. Dort gerät man ganz leicht in Chats, wo man gar nicht genau wissen kann, wer der Gesprächspartner eigentlich ist. Vielleicht verbirgt sich hinter der zwölfjährigen Sarah ein 46-jähriger Franz, der irgendwann ein Treffen vorschlägt. Allerspätestens dann könnte das Unglück seinen Lauf nehmen. Aber Schaden wird schon viel früher angerichtet.

Schlöndorff stört sich insgesamt an der Übersexualisiserung der Gesellschaft, die, wie er glaubt, „den Kindern ihre Unschuld raubt“. Nicht, dass er, seit er die „Blechtrommel“ verfilmt hat, selbst noch ernsthaft an kindliche Unschuld glauben könne, scherzt er. Aber es sei frappierend, dass oft schon zehnjährige Mädchen sich, von der Werbung angestachelt, wie kleine Frauen fühlen und das auch ausleben wollen. In dieser Altersklasse holt man sich vieles aus dem Internet, während die Eltern, wie Volker Schlöndorff selbst, schon froh sind, wenn sie ihre E-Mails öffnen können. Auch die Rap-Songs, die von deutschen Sendern in vollem Wortlaut gesendet werden, während sie wegen ihrer sexuell expliziten Texte in den USA verboten sind, nerven ihn.

„Wir verstehen die Texte nicht“, sagt er. „Aber die Kinder tun es. All das trägt dazu bei, dass ihnen ein Teil ihrer Kindheit geraubt wird.“ Vertrauensvolle Gespräche sind ein gutes Gegenmittel, wenn die Eltern die Gefahr wahrnehmen.

Eigentlich hat Volker Schlöndorff seine sonstigen vielfältigen sozialen Verpflichtungen nach und nach abgebaut, die Mitgliedschaften in über 20 Vereinen zum Beispiel. „Innocence in Danger“ aber ist in seinen Augen ein Thema, das Öffentlichkeit braucht, und die wird über große gesellschaftliche Veranstaltungen am besten erzeugt. „Von den Kindern vom Bahnhof Zoo haben sie damals alle geredet“, sagt er. „Aber das waren nur 50 bis 100.“ Das Heim für taubstumme Kinder, für das er sich engagiert, bekommt im Durchschnitt Einzelspenden in Höhe von 2,50 Euro, zum Teil auch von sehr armen Leuten. Bei großen Galas lässt sich viel mehr für den guten Zweck einnehmen.

Das Internet bringt eine neue Dimension in den sexuellen Missbrauch. „Davon sind Tausende betroffen.“ Als sein ältester Sohn klein war, gab es diese Problematik noch gar nicht. „Früher guckte man halt im Biologie-Atlas unter ,Genitalien‘ nach.“ Mit der Arbeit von „Innocence in Danger“ ist Schlöndorff zufrieden, vor allem, weil die Organisation länderübergreifend tätig ist. Mittlerweile ist das Netzwerk in 28 Ländern aktiv. Bei der Gala im letzten Jahr kamen mehr als 200000 Euro heraus, die unter anderem für eine deutsch-türkische Broschüre verwendet wurden und auch für ein Projekt gegen Kinderprostitution an der deutsch-tschechischen Grenze. Auf Europas größtem Kinderstrich werden auch Opfer für Internet-Pornographie rekrutiert. Da ist Hilfe, gerade auch von Ehrenamtlichen, dringend notwendig.

Das mit dem Zeitaufwand , sagt Schlöndorff, sei nicht so wichtig. „Je mehr jemand zu tun hat, desto besser organisiert ist er auch, da bleibt immer etwas übrig.“ Mit der „Roten Hilfe“ hat es angefangen in der Zeit nach 1968, als er linke Häftlinge besucht hat. Diese Rituale im Knast zu erfahren sei schon speziell gewesen, sagt Schlöndorff. Er erinnert sich auch gern an eine Aktion für Straßenkinder in Kiew, die ihn mitgenommen haben durch ihren Lebensraum in der Kanalisation: „Die waren so unglaublich lebendig, wann erlebt man so etwas schon mal?“ Es seien ja nur ein paar Tage im Jahr, die für diese Arbeit draufgingen. Diese Tage sind der Erweiterung der Lebenserfahrung gewidmet. Als Ergänzung zur Arbeit findet Volker Schlöndorff sie „gerade besonders spannend“.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben