Berlin : „Die Brutalität hat sich erheblich gesteigert“

Mohamed Akkad ist Leiter der Jugendhaftanstalt Kieferngrund: Nur eine konsequente und schnelle Ahndung der Taten hilft wirklich

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Kurz vor der Stadtgrenze im Berliner Süden liegt die Jugendhaftanstalt Kieferngrund. 88 männliche Jugendliche sind in dem modernen Gebäude in Lichtenrade untergebracht. Dass es sich um ein Gefängnis handelt, ahnt man beim Blick von außen allenfalls wegen der Stacheldrahtbewehrung der Mauern. Erst der Blick aus dem zweigeschossigen Bau heraus macht die Höhe der grauen Mauern deutlich. Deren helles Grau, frei von jeder Schmiererei, wirkt ungewohnt sauber. Wer zu Besuch kommt, muss sein Telefon im Schließfach lassen. Hinweise klären darüber auf, dass man eine Ordnungswidrigkeit begeht, wenn man Gefangenen unberechtigterweise Nachrichten übermittelt.

„Bereich Kieferngrund“ heißt die Einrichtung korrekt auf Amtsdeutsch, weil sie ein Teil der Jugendstrafanstalt Berlin ist. Deren größerer Teil befindet sich in Plötzensee. Kieferngrund ist vor allem für Untersuchungshäftlinge gedacht, doch gibt es auch Jugendliche, die hier ihre Haft verbüßen – etwa der 17-jährige Ken M., der im Sommer 2005 in Zehlendorf den siebenjährigen Christian ermordete. Mohamed Akkad, ein gelernter Psychologe, arbeitet seit 1988 in Kieferngrund, inzwischen leitet er die Anstalt. Ihm unterstehen 32 Justizvollzugsbeamte, einige Psychologen und Sozialarbeiter und ein paar Verwaltungskräfte. Akkad sagt, nur halb im Scherz, dass er inzwischen ganze Generationen von jugendlichen Straftätern aus bestimmten Berliner Großfamilien kennengelernt habe.

Anders als in der Untersuchungshaft für Erwachsene sollen jugendliche Delinquenten unterrichtet werden, wenn sie noch der Schulpflicht unterliegen, oder sie sollen arbeiten. Ihre Freizeit, auch das gehört zum Konzept von Kieferngrund, wird nach einem Stufenplan bemessen. Ordentliches Verhalten bringt einen zum Maximum von drei Stunden Sport in der Woche und relativ langen Zeiten außerhalb der eigenen Zelle am Nachmittag. Wer randaliert oder Ärger macht, kann für eine Woche von allem (außer der Schule oder Arbeit) ausgeschlossen werden. Akkad und seine Mitarbeiter sprechen wöchentlich mit den Häftlingen über ihr Verhalten und ihre Einstufung auf der Skala der Vergünstigungen. Die meisten, sagt er, begreifen sehr schnell, dass ihre Richter früher oder später erfahren, wie sie sich in der U-Haft aufführen.

Mit Mohamed Akkad sprach Werner van Bebber.

Beschreiben Sie bitte die kriminellen Karrieren der letzten Neuzugänge?

Die letzten drei haben schon lange im kriminellen Milieu gelebt, hauptsächlich begingen sie bewaffnete Raubüberfälle auf Penny- und Schlecker-Filialen.

Mit welchen Waffen?

Mit Gaspistolen, Messern und Totschlägern.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik sind jugendliche Schläger mit Migrationshintergrund gewaltbereiter und brutaler geworden. Merken Sie das hier auch?

Gewalt hat sich ganz allgemein verändert, in negativer Richtung. Dabei hat der Migrationshintergrund keine Bedeutung. Hier in Berlin sind die Migranten-Jugendlichen auffälliger geworden. Das liegt an der Konzentration von Migrantencommunities in bestimmten Bezirken. Was die Straffälligkeit angeht: die mit Migrationshintergrund sind wesentlich mehr geworden. Derzeit kommen 47 Prozent der straffällig gewordenen Jungendlichen aus Migrantenfamilien, 53 sind deutscher Herkunft.

Sie sprachen von der Konzentration in bestimmten Gebieten. Warum fördert das die Straffälligkeit?

Für Jugendliche ist die Peer group, die Bezugsgruppe, ganz wichtig. Sie orientieren sich an Gleichaltrigen, von ihnen bekommen sie Anerkennung und Zuwendung. Dazu kommt: Viele erleben Gewalt in der Familie – bis zum Alter von 15, 16 Jahren. Und wer Gewalt erfährt, teilt Gewalt aus. Die Perspektivlosigkeit kommt hinzu, das Scheitern in der Schule. Und es gelingt uns nicht, diese Jugendlichen zu integrieren, trotz aller möglichen Maßnahmen. Und noch etwas: Früher gab es mehr Geld für therapeutische Maßnahmen für Kinder und Jugendliche. Heute sparen alle. Viele Bezirke setzen gar nicht mehr um, was das Kinder- und Jugendhilfegesetz vorsieht. Diese Jugendlichen haben keine Fürsprecher – an ihnen kann man am besten sparen.

Was meinen Sie mit therapeutischen Maßnahmen?

Das Eingreifen, bevor jemand kriminell wird. Wenn Kinder zum Beispiel in der Grundschule durch Gewalt auffallen, müsste sich eigentlich ein Schulpsychologe kümmern oder das Jugendamt eine ambulante therapeutische Maßnahme einleiten. Das geschieht nicht mehr immer dann, wenn es notwendig wäre.

Ein Anlass für dieses Gespräch ist der Angriff von sieben jungen Männern auf einen Polizisten hier in Lichtenrade. Wie erklären Sie die explosive Brutalität dieser Jugendlichen?

Man kann das nicht genau erklären. Ich gehe davon aus, dass das keine geplante Aktion dieser Jugendlichen gewesen ist. Ob sie Randale machen wollten, weiß ich nicht. Aber es gibt diese Peer-group-Dynamik. In dieser Situation konkurrieren die jungen Männer miteinander: wer ist brutaler? Man wird sich die Geschichten dieser Jugendlichen auch darauf hin ansehen müssen, wann sie selbst Opfer von Gewalt geworden sind. Doch sage ich: Es ist wichtig, ein klares Signal an diese Jugendlichen zu senden. Alle müssen sehen, dass so eine Tat nicht ohne Folgen bleibt.

Also: möglichst schnell vor Gericht?

Das ist notwendig, sonst erinnern sich viele gar nicht mehr genau an den Vorfall. Wir reagieren sofort auf ein Fehlverhalten. Wenn wir erst nach einer Woche reagieren, begreifen die Jugendlichen das nicht. Sie sagen: „Wieso, das ist doch schon eine Woche her.“

Hilft Härte?

Ich spreche lieber von Konsequenz, von einer konsequenten Haltung. Wir leben in einer liberalen Gesellschaft mit sehr liberalen Gesetzen. Die müssen konsequent angewendet werden. Werden sie nicht konsequent angewandt, werden wir solche Gewalt noch häufiger erleben.

Sie sind seit 1988 in der Jugendstrafanstalt. Was hat sich, etwa im Blick auf die explosive Gewalt, bei Jugendlichen verändert?

Jugendgewalt gab es immer und wird es immer geben. Aber die Brutalität hat sich erheblich gesteigert. Heute haben wir überwiegend Gewalttäter hier, nur wenige wegen Diebstahl und ähnlichem.

Können Jugendliche selbst die neue Brutalität erklären?

Ich stelle in Gesprächen oft fest: Die sind verwahrlost. In den Familien geht man miteinander sehr brutal um. Die kennen gar nichts anderes als Gewalt. Sie zeigen keine Bereitschaft zur Integration. In der Schule hören sie: Du kannst nichts. Dann kommen Alkohol und Drogen dazu. All das trägt zur Brutalität bei.

Sie haben es mit Jugendlichen zu tun, die ungewohnte Grenzen akzeptieren müssen. Wie empfinden die das?

Die akzeptieren die Regeln, die meisten jedenfalls. Einige wollen das nicht – dann reagieren wir sofort. Wir führen intensive Gespräche und verhängen Sanktionen. Die Jugendlichen wissen auch, dass wir eng mit Richtern und Staatsanwälten zusammenarbeiten und denen berichten, was die Jugendlichen bei uns machen. Die denken schon daran, dass ein negativer Bericht zu einer Verurteilung führen kann, ein positiver aber zu einer Bewährung.

Also fördern die drohenden oder auch die erlebten Sanktionen die Einsicht?

Die Sanktionen allein nicht, in Verbindung mit den intensiven Gesprächen aber schon. Wenn sie nur eingeschlossen sind, wird es noch schlimmer mit ihnen.

Mohamed Akkad ist Psychologe und Leiter der Haftanstalt Kieferngrund; er arbeitet dort seit 1988. Über die 88 Jugendlichen wachen 32 Vollzugsbeamte und auch Psychologen und Sozialarbeiter.

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