Berlin : Die Bücher werden geschlossen

Pankow macht zwei Bibliotheken dicht – anderen Bezirken droht dasselbe

Matthias Jekosch

Klaus Lemmnitz kann sich in Rage reden, wenn es um die geplante Schließung zweier Bibliotheken im Stadtteil Prenzlauer Berg geht. „Es kann nicht sein, dass die Stadt sich hier völlig der Verantwortung entzieht. Das sind nur noch Streichorgien“, sagt er. Weil er mit den Plänen des Bezirkes Pankow nicht einverstanden ist, hat er mit anderen Anwohnern die Initiative „Pro Kiez“ gegründet. Im Haushalt des Bezirkes ist vorgesehen, für über 800 000 Euro Personal im Kulturbereich einzusparen. Das Konzept stellte Kulturstadtrat Michail Nelken (Linkspartei) am Mittwoch in der Kurt-Tucholsky-Bibliothek in einer Bürgerversammlung vor; es wird demnächst in der Bezirksverordnetenversammlung beraten. Geplant ist, zehn Stellen aus den neun Pankower Bibliotheken in den stadtweiten Stellenpool zu übertragen und Anfang 2008 die Tucholsky-Bibliothek im Bötzowviertel und die Bibliothek Eliashof nahe dem Helmholtzplatz zu schließen. Die Initiative sammelt Unterschriften dagegen.

Dabei ist der Kulturstadtrat selbst unglücklich mit den Plänen. „Es gibt keinen sachlichen Grund für die Schließungen“, sagt er und verweist auf die gute Verankerung der beiden Bibliotheken in ihren Kiezen. Einzig die Notwendigkeit zu sparen zwinge zu dem Schritt. Das Land Berlin schüttet 2008 an die Bezirke insgesamt 24,8 Millionen Euro für deren Bibliotheken aus. Gibt ein Bezirk weniger für seine Büchereien aus, kann er das übrige Geld für andere Aufgaben verwenden. Überschreitet er den Betrag, muss er anderswo sparen. Eben das ist auch das Problem in Pankow. Lemmnitz sieht den Schuldigen daher nicht im Bezirk. „Es kann nicht sein, dass Finanzsenator Thilo Sarrazin eine Erfolgsmeldung nach der anderen herausgibt zulasten der Infrastruktur in den Bezirken.“

Ähnlich argumentiert auch der Stadtrat für Weiterbildung in Charlottenburg-Wilmersdorf, Marc Schulte (SPD): „Wir versuchen, die Standorte zu erhalten. Die Vorgaben des Senates erhöhen jedoch den Druck.“ In seinem Bezirk werde im nächsten Jahr keine der acht Bibliotheken bedroht sein. Eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Finanzen kann die Aufregung in den Bezirken nicht verstehen. „Das Verfahren, wie das Geld verteilt wird, ist mit Zustimmung der Bezirke verabschiedet worden“, sagte sie.

Friedrichshain-Kreuzberg beispielsweise bekommt über drei Millionen Euro für seine Bibliotheken. Kulturstadträtin Sigrid Klebba (SPD) geht davon aus, dass die Finanzierung für 2008 gesichert ist, trotz eines Defizites im Haushalt. „Wie es weitergehen wird, müssen wir allerdings prüfen.“ Wie auch Schulte betont sie den Stellenwert der Bibliothek im Bezirk: „Für die Heranführung von Menschen an das Lesen ist sie unersetzlich“, findet sie. Schulte weist auf die Funktion als Begegnungsstätte hin. Doch die Dezentralität, die die öffentlichen Bibliotheken in Berlin auszeichnet, könnte sich in Zukunft nicht mehr rechnen. „Es muss sich konzentrieren“, sagte Svend Simdorn, Bildungsstadtrat in Treptow-Köpenick. Einen Schritt dahin macht der Bezirk derzeit und eröffnet eine Mittelpunktbibliothek im Frühjahr 2008. Drei von noch 14 Bibliotheken kommen dort unter ein Dach. Matthias Jekosch

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