Berlin : „Die Bullen haben viel dazugelernt“

Nach friedlichsten Mai-Feiern seit 1987 freuen sich Polizei und Politik, nur Autonome sind frustriert

Jörn Hasselmann

Für gewaltbereite Demonstranten war der 1. Mai ein Reinfall, da sind sich in diesem Jahr Chaoten und Polizei einig. „Der revolutionäre 1. Mai ging wieder gründlich in die Hose“, heißt es zum Beispiel auf „Indymedia“, dem Internetforum der Linksradikalen, es folgt eine Liste der taktischen Fehler, die begangen wurden. Innensenator Ehrhart Körting formulierte es knapper: „Wir haben den Chaoten keinen Freiraum gelassen.“ Trotz der zum zweiten Mal hintereinander ausgesprochen positiven Bilanz des Maifestes in Berlin zeigten sich Körting und Polizeipräsident Dieter Glietsch gestern skeptisch, ob es gelingen könne, das seit 20 Jahren währende Krawall-Ritual völlig abzustellen. „Ein Restbestand Gewalt wird wohl bleiben“, meinte der SPD-Senator gestern. „Aber es war keine Straßenschlacht mehr wie früher, sondern ein Volksfest, bei dem einige aus dem Ruder gelaufen sind“, so Körtings Analyse.

Kreuzbergs Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer (Linkspartei/PDS) sprach gestern von „einem langen Atem“, der benötigt werde. Das vom Bezirksamt mit Unterstützung der Polizei veranstaltete „Myfest“ sei ein entscheidender Faktor auf diesem Weg, der zweite sei die kluge Taktik der Polizei. „Die Polizei hat sehr besonnen im entscheidenden Augenblick gehandelt“, lobte die Bürgermeisterin. Das heißt: Beim Myfest war die Polizei so gut wie unsichtbar und die beiden illegalen „Spontan“-Demos blieben zum großen Ärger der Teilnehmer unbehelligt. Diese beiden Züge um 18 und gegen 20 Uhr sollten unter dem Motto „Das Myfest ist scheiße“ das Fest (zer)stören, dies gelang nicht. Ebenso wie die Polizei ließen auch die 11 000 Festbesucher die mehreren hundert Autonomen an sich vorbei rennen.

5100 Polizisten waren im Einsatz, gut 1000 weniger als im Vorjahr. Dies zeigt am besten, dass die Gewaltspirale gebrochen ist. Dennoch wurden 65 Polizisten leicht verletzt, eine Beamtin schwer. Sie erlitt durch einen Flaschenwurf eine Wunde unter dem Auge und eine Gehirnerschütterung. 107 Personen wurden am 1. Mai festgenommen (2005: 128). Der durchschnittliche Festgenommene ist nach Angaben Glietschs „jung, männlich und betrunken“. So wie der 23-Jährige aus Kiel, der um 23 Uhr vor den Augen eines Zivilpolizisten einen Stein in die Scheibe einer Wohnung am Mariannenplatz wirft. Er sei extra für die beiden Tage nach Berlin gekommen, erzählt er der Polizei, eine Blutprobe ergab 1,3 Promille.

Kritik an der Polizei gab es von keiner Seite – das ist neu. Die PDS-Fraktion lobte den „Imagewandel“ der Berliner Polizei, die Gewerkschaft der Polizei tat das gleiche, und ein Autonomer sagte schon in der Nacht zuvor völlig frustriert: „Die Bullen haben viel dazugelernt“.

Und zwar: Es wird nicht mehr von Anbeginn drauflos geknüppelt, sondern gezielt und beweissicher festgenommen, wenn es zu Stein- oder Flaschenwürfen kommt. So stand die Polizeiführung gegen 21.30 Uhr vor der Frage, ob sie ein Feuer in der Oranienstraße mit dem Wasserwerfer löschen solle. Chaoten hatten dort einen Plastikcontainer angezündet, der mit viel Rauch und riesiger Flamme brannte. „Der Wasserwerfer hätte nur Unruhe gebracht“, sagte Polizeipräsident Glietsch. Bewusst habe man in Kauf genommen, dass die Fotos davon in Zeitungen und Fernsehen das Bild des Festes verzerren würden. Doch die Entscheidung sei richtig gewesen: 50 Meter entfernt spielte die Rockband auf der Bühne ungerührt weiter, und das Feuer brannte nieder, ohne Schaden anzurichten. Gestern fragte sich die Polizei, wieso keine Container aus Blech benutzt werden, dann hätte das Feuer weit weniger gelodert. Und noch mehr wäre zu optimieren: Wieso verkaufen die vielen Imbisse und fliegenden Händlern noch Flaschen? In der Walpurgisnacht in Prenzlauer Berg und Friedrichshain fährt die Polizei seit zwei Jahren äußerst erfolgreich eine harte Linie: keine Flaschen, keine Dosen. Bürgermeisterin Reinauer kündigte an, 2007 auf die Geschäftsleute einzuwirken, nur noch Dosen zu verkaufen: damit Randalierer nicht mehr mit Flaschen werfen können – dem mit Abstand beliebtesten Wurfgeschoss.

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