Berlin : "Die Bundesregierung muss alles für Frieden in Sri Lanka tun"

Die Vorsitzende der Welthungerhilfe über die Folgen des Bürgerkriegs auf der Insel, die Bundeswehr im Kongo und die verbitterten Bauern in Afghanistan

-

Die Welthungerhilfe arbeitet seit Jahren in Sri Lanka, vor allem in den Tamilengebieten. Dort tobt seit Monaten wieder ein Bürgerkrieg, aber es gibt kaum gesicherte Informationen. Was wissen Sie?

Wir mussten die deutschen Mitarbeiter aus den Tamilengebieten nach Colombo abziehen, Ausländer dürfen derzeit nicht in die Gebiete. Unsere tamilischen Mitarbeiter sind vor Ort. Sie können weiterarbeiten – weil sie rechtzeitig Material herangeschafft haben. Auch Warentransporte in die Gebiete sind verboten. Die Vorräte reichen für zwei bis drei Monate.

Wie leben die Menschen, die erst unter dem Bürgerkrieg, dann unter dem Tsunami und nun wieder unter dem Bürgerkrieg leiden?

Da wir selbst keinen Zugang in die Gebiete haben, wissen wir es nicht ganz genau. Die tamilischen Mitarbeiter reisen nicht. Etwa 100 000 Menschen sind geflüchtet. Wir können in den Tamilengebieten niemanden versorgen. Wir haben Lebensmittel beschafft, aber wir mussten sie lagern. Wenn nicht bald etwas geschieht, gibt es große Versorgungsprobleme.

Die Tagesspiegel-Leser haben nach dem Tsunami 565 000 Euro für das Projekt „Ein Dach über dem Kopf“ gespendet. Wie sieht die Zwischenbilanz aus?

Im Norden bei Mullaitivu läuft es gut. Dort ist es relativ ruhig, wir können arbeiten. Zum Teil leben in den neuen Häusern auch schon Menschen. In Trincomalee sind einige Übergangshäuser bei den Kämpfen zerstört worden, außerdem haben die Soldaten unsere Mitarbeiter eingeschüchtert, so dass sie tagelang zu Hause blieben. Ein hochseetaugliches Schiff ist gebaut, wir mussten es aber einlagern, weil Fischer jetzt nicht auf hohe See dürfen, sondern nur mit kleinen Booten direkt an der Küste fischen. Den Fischern in Trincomalee geht es relativ gut. Wir haben zwei Kühlwagen besorgt, jetzt können sie Fisch nach Colombo liefern, aus dem Norden kommt ja im Moment gar nichts.

Wie geht es weiter?

Die Mitarbeiter unserer Partnerorganisation Sewalanka können eine Zeit lang ohne die deutschen Kollegen arbeiten. Wir haben die mündliche Zusage, dass auch wir bald wieder eine Arbeitserlaubnis erhalten. Dann können wir weitermachen, wenn es keine Kämpfe gibt oder Bomben fallen wie jetzt so oft.

Könnte das Schiff konfisziert werden, weil es hochseetauglich ist?

Nein. Sie wollen die Boote nur nicht auf See haben. Die Militärs und die Rebellen, das ist eine eigene Welt. Wenn sie wissen, wie freundlich die Menschen dort sind, können sie sich gar nicht vorstellen, dass das so harte Krieger sein können. Es stimmt leider, dass die Tamilentiger Kindersoldaten rekrutieren. Die Regierung schlägt auch zu. Der Mord an 17 Mitarbeitern der Hilfsorganisation Aktion gegen den Hunger ist noch nicht aufgeklärt. Wir fordern unsere Bundesregierung auf, sich für die Aufklärung einzusetzen. Inzwischen heißen Hilfsorganisationen, die in den Tamilengebieten arbeiten, in den singhalesischen Landesteilen White Tiger. Es wird behauptet, wir unterstützten die Tamilentiger. Ich habe den Eindruck, dass wird bewusst geschürt, damit die Hilfsorganisationen abziehen. Wir sind immerhin Augenzeugen. Es ist eine Tragödie. Wir hätten erwarten können, dass sich das Land nach all der Hilfsbereitschaft nach dem Tsunami ähnlich entwickelt wie das indonesische Aceh, wo Regierung und Rebellen zusammengefunden haben.

Was ist in Sri Lanka schiefgelaufen?

Es war ein großer Fehler, dass die EU im Mai die Tamilenorganisation LTTE als Terrororganisation eingestuft hat. Dadurch hat sich die Lage eindeutig verschlechtert. Das hat es der Regierung ermöglicht, richtig zuzuschlagen, auf der anderen Seite mussten die Tamilen auch keine Rücksicht mehr nehmen. Es hat zu einer Enthemmung geführt.

Glauben Sie; dass die neuen Friedensverhandlungen zwischen Regierung und LTTE ab Ende des Monats etwas bringen?

Wir appellieren an die Bundesregierung und die EU, alles dafür zu tun, dass die Parteien wieder an den Verhandlungstisch kommen. Durch den Libanonkrieg waren sie wohl abgelenkt. So kann es nicht weitergehen. Internationale Aufmerksamkeit ist ganz wichtig. Wie oft sollen wir noch ganz vorne bei der Nothilfe anfangen?

Könnten Sie sich eine Allianz der internationalen Hilfsorganisationen vorstellen, die unter Hinweis auf die Milliardenhilfe fordert: Setzt euch an einen Tisch?

Vielleicht wäre ein Appell aller an beide Seiten eine gute Idee. Wir haben alle eine Scheu, uns in einem anderen Land in die Politik einzumischen. Wird es besser, wenn wir gehen und die Menschen verfolgt werden? Wenn wir etwa Darfur verlassen, würde es auf jeden Fall schlechter. Dort versorgen wir normalerweise 475 000 Menschen. Das könnte niemand schnell ersetzen.

Im Moment können sie dort gar nicht richtig arbeiten.

Wir versorgen 275 000 Menschen, im September nur 100 000. Wir verhandeln gerade um eine Sicherheitsgarantie, damit wir nicht überfallen werden.

Setzen Sie dort auf die Friedenstruppe der Afrikanischen Union (AU) oder die UN-Truppe?

Die kommt ja nicht. Aber zumindest ist das Mandat der AU-Truppe verlängert worden. Und die internationale Gemeinschaft hat der AU Mittel zugesagt. Sie ist leider nur schwach ausgerüstet. Gegen den Willen der sudanesischen Regierung geht eine UN-Truppe nicht. Das hat auch das Friedensabkommen gezeigt, das unter einigem Druck zustande gekommen ist. Es hat nicht gehalten. Es hilft nichts. Wir können nicht alle Konflikte lösen. Das geht einfach nicht. Im Moment sieht es eher so aus, als suchte die sudanesische Armee eine schnelle militärische Lösung. Unsere Mitarbeiter berichten jedenfalls von einem großen Aufgebot Panzer.

Die Welthungerhilfe arbeitet auch in der Demokratischen Republik Kongo. Denken Sie, die Bundeswehr kann von dort nach vier Monaten abziehen?

Das ist eine schwierige Frage. Wir arbeiten im Osten. Seitdem die UN-Friedenstruppe ein robustes Mandat hat, ist es ziemlich ruhig geworden. Wir können unsere Arbeit machen. Wir versuchen, denjenigen, die sich entwaffnen lassen, Arbeit zu geben, beim Bau von Straßen, bei der Wiederansiedlung, dem Aufbau der Landwirtschaft und der Einrichtung von Gesundheitsstationen Was die Bundeswehr angeht: Ich weiß es nicht. Aber wenn die Wahlkämpfer in Kinshasa wieder aufeinander schießen, kann die Bundeswehr vermutlich nicht einfach abziehen.

Die Stichwahl für die Präsidentschaft ist Ende Oktober. Vor Ende November wird das Ergebnis nicht vorliegen. Doch dann endet schon unser Mandat.

Die Bundeswehr wird versuchen, dann abzuziehen, aber sie muss bleiben, bis ein friedlicher Übergang gesichert ist.

Wie sieht es in Afghanistan aus?

Wenn sich die wirtschaftliche Situation nicht bessert, geht das schief. Wir nähern uns diesem Punkt. Die Bauern sind verbittert. Kein Wunder, dass wir in diesem Jahr eine Rekordernte von Mohn haben. Es gibt in Nischen Alternativen zum Drogenanbau. Rosenöl etwa ist ein teures Produkt, aber keine Alternative für das ganze Land. Die Infrastruktur muss wieder aufgebaut werden. Straßen und Bewässerungssysteme, die hunderte Jahre alt sind, sind durch den langen Bürgerkrieg zerstört. Sie sind aber Voraussetzung für eine erfolgreiche Landwirtschaft.

Leiden Ihre Mitarbeiter unter den neuen Kämpfen?

Wir arbeiten nicht im Kampfgebiet im Süden, sondern im Osten und Norden, den Regionen, die von den Taliban besonders vernachlässigt wurden. Trotzdem ist die Sicherheit der Mitarbeiter heute stärker gefährdet als unter den Taliban. Wir müssen sie öfter nach Kabul abziehen. Weil auch das Militär immer häufiger zivile Fahrzeuge nutzt, sind wir schwerer zu unterscheiden. Die Menschen misstrauen inzwischen allem Westlichen.

Sind die Erwartungen an die Helfer nicht zu hoch? Selbst mit noch viel mehr Geld, lässt sich eine Wirtschaft nicht einfach aufbauen, das haben wir doch nach der Wiedervereinigung selbst bemerkt.

Wir haben Bauern gefragt, warum sie Mohn anbauen, obwohl das nicht zum Koran passt. Selbst in dem abgelegenen Dorf wussten sie genau, wie viel Geld Afghanistan versprochen wurde. Sie fragen: Warum kommt das bei uns nicht an? Das liegt daran, dass viel Geld von den Gebern noch gar nicht gezahlt worden ist. Aber die Zentralregierung ist auch zu schwach, um das Geld aufs Land zu pumpen. Wenn die Menschen das Gefühl haben, es geht wirtschaftlich gar nicht weiter, wird der Mohn weiter blühen, der Einfluss der Drogenbarone zunehmen, und Afghanistan wird wieder zu einem Sicherheitsproblem werden.

Hielten Sie es für sinnvoll, wenn es vor der Planung von Auslandseinsätzen der Bundeswehr Gespräche auch mit Hilfsorganisationen gäbe, um zu überlegen, wie bestimmte Ziele erreicht werden können?

Es gibt bereits Berührungspunkte, vor Ort gibt es Absprachen zwischen Helfern und der Bundeswehr. Uns liegt natürlich daran, dass unser Standpunkt gehört wird. Denn wir sehen vieles anders als Militärs das tun. Wir haben zwar immer nur Informationen aus der konkreten Region, in der wir tätig sind. Bisher ist aber noch niemand auf die Idee gekommen, mit uns gemeinsam eine Strategie für Stabilisierung und Wiederaufbau eines Landes zu entwickeln. Das wäre aber vielleicht ganz gut.

Sie sind auch in Nordkorea tätig.

Auch in Nordkorea brauchen Menschen Hilfe, weil sie Hunger leiden. Deshalb wollen wir trotz des Atomtests weiter in Nordkorea arbeiten.

Das Gespräch führten Dagmar Dehmer, Annette Kögel und Ingrid Müller.

TAGESSPIEGEL-AKTION

Für die Aktion „Ein Dach über dem Kopf“ mit der Welthungerhilfe für die Menschen in Sri Lanka spendeten Leser

565 000 Euro . Die Hilfsmaßnahmen laufen trotz der Kämpfe weiter.

EIN NEUES ZUHAUSE

Zunächst wurden für 250 000 Euro 357 Übergangshäuser in der Siedlung Silawattai nahe Mullaitivu im Tamilengebiet errichtet – sie blieb von den Kämpfen verschont. In Trincomalee an der Grenze zum Regierungsgebiet der Singhalesen wurden 210 Übergangshäuser errichtet – einige sind zerstört. Derzeit machen Tagesspiegel-Leser den Bau von 17 Wohnhäusern sowie einer Mehrzweckhalle im Ort Thithakarai westlich von Mullaitivu möglich (115 000 Euro).

BOOT UND BILDUNG

Der Tagesspiegel unterstützt zudem den Bau eines Berufsbildungszentrums für Fischer in Trincomalee (100 000 Euro). Das Fundament musste nach Monsunregengüssen erneuert werden. Die sogenannten einkommenschaffenden Maßnahmen dort verzögern sich wegen der Kämpfe. Für 100 000 Euro konnten ein Boot für die Hochseefischerei sowie mehrere Netze angeschafft werden. Der Trawler liegt derzeit in Galle im Süden der Insel vor Anker. kög

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben