Berlin : Die DDR ist längst Kult

„Good Bye, Lenin“ könnte morgen den Filmpreis erhalten. Die Autoren sprachen davor mit Schülern

Constance Frey

Was passiert, wenn ein Autor aus Nordrhein-Westfalen eine Geschichte über eine DDR schreibt, die es eigentlich gar nicht mehr gibt, und mit Liebe zum Detail jeden Ost-Artikel recherchiert? Fast sechs Millionen Menschen sehen sich den Film an, und zwei Schulklassen aus Ost- und Westberlin diskutieren 90 Minuten lang so einhellig über die DDR und das Ost-West-Verhältnis, dass man Ossis und Wessis nicht mehr auseinander halten kann. Etwa 40 Schüler aus der Käthe-Kollwitz-Schule aus Prenzlauer Berg und dem Menzel-Gymnasium im Tiergarten zogen das zweistündige Gespräch mit den Drehbuchautoren von „Good Bye, Lenin“ in der Versöhnungskapelle an der Bernauer Straße „einem Schwimmbadbesuch vor“, wie Pfarrer Manfred Fischer bei der Begrüßung bemerkte. Die Veranstaltung war Auftakt zur deutschlandweiten Bewerbung zum „Bürgerpreis zur deutschen Einheit“, der zum zweiten Mal von der Bundeszentrale für politische Bildung vergeben wird.

„Bei meinem ersten Besuch in Berlin“, erzählt der gebürtige Westfale und Drehbuchautor Bernd Lichtenberg, „habe ich auch einen Tag in Ost-Berlin verbracht. Das war am 4. November 1989.“ „Wir kennen die DDR nur aus Erzählungen“, stellt Julia Lübke aus Ostberlin fest. „Sie ist Kult geworden.“ Gabriel Anschütz aus Westberlin geht noch weiter: „Das Thema DDR wird überhaupt nicht behandelt, dafür ist wohl im Lehrplan nicht genug Platz.“„Meine Eltern“, meint Lennart Losensky (Ost), „haben sich durch den Film an viele Geschichten erinnert. Mir hat das sehr viel gebracht.“ „Der Film hat eine Lücke geschlossen“, erklärt der Ostberliner Co-Autor Christoph Silber. Und viele Fragen aufgeworfen, wie bei Lennart: „Hätte man nicht eine sozialere Gesellschaftsordnung aufbauen können? Es ging damals alles so schnell!

„Aber es konnte doch für die DDR nur besser werden,“ wirft Anika (Ost) ein. „Also, ich kenne keinen Ossi, der die Mauer wiederhaben will.“ Raunen im Raum. „Ich kenn’ welche“, meldet sich die Nachbarin. „Es ist doch völlig normal, das die Menschen sich die DDR besser vorstellen, als sie war“, glaubt Matthias aus Westberlin. „Die Politik hat damals viele Visionen aufgestellt, die sich nicht erfüllt haben. Da blicken die Menschen nostalgisch in die Vergangenheit.“ Bernd Lichtenberg bestätigt: „ Begriffe wie Zusammenhalt und soziale Solidarität sind beim Dreh immer wieder gefallen.“

Nostalgie war aber nicht das Leitthema des Films. „Die Demo-Szene war mir sehr wichtig. Ich bin selbst dort gewesen“, erzählt Christoph Silber. Wohin jetzt mit der DDR? Einige Schüler befürchten, sie könne in Vergessenheit geraten. Bernd Lichtenberg dazu: „Man muss der Wiedervereinigung Zeit geben, in die Geschichte einzugehen.“ Er freut sich, einen Beitrag zur deutsch-deutschen Versöhnung geleistet zu haben „Ich bin gespannt auf die Reaktion im Ausland.“ Gespannt sind die beiden Autoren wohl auch auf Freitag - wenn es um die Verleihung des 53. Deutschen Filmpreises geht.

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