Berlin : Die Dealer übernehmen den Bahnhof

BVG-Mitarbeiter haben Angst: Nach dem Abzug der regelmäßigen Polizeistreifen werden sie von jungen Drogenhändlern bedroht

Klaus Kurpjuweit

BVG-Mitarbeiter trauen sich nicht mehr auf die eigenen U-Bahnhöfe. Unmissverständlich werde ihnen auf einigen Stationen von Drogenhändlern klar gemacht, dass sie als BVGer auf den Bahnhöfen nichts zu suchen hätten. Die oft Minderjährigen führten sich zum Teil auf, als gehöre der Bahnhof ihnen, sagte ein BVG-Experte dem Tagesspiegel. Die Probleme hätten erheblich zugenommen, seit die Polizei im Sommer ihre regelmäßigen Streifen auf den U-Bahnhöfen abgezogen hat. Offiziell heißt es bei der BVG und der Polizei weiter, das neue Konzept habe sich bewährt.

Besonders problematisch sind die Stationen auf der U9 zwischen Nauener Platz in Wedding und Hansaplatz in Tiergarten. Und dort wiederum ragt derzeit der Bahnhof Westhafen heraus. Hier treffen sich nach Angaben der BVG regelmäßig Jugendliche arabischer Herkunft, die auf Käufer von Drogen warten. Dabei verhielten sie sich nicht mehr so still wie früher. Den Drogenhandel auf Bahnhöfen hat es zwar auch gegeben, als die Polizei noch regelmäßig präsent war, doch die Händler verhielten sich, so der BVG-Experte, unauffällig. Heute belästigten sie auch Fahrgäste, vor allem Frauen, und gegenüber BVG-Personal seien sie offen aggressiv. Inzwischen weigerten sich Mitarbeiter, sich auf solchen Bahnhöfen zu zeigen.

„Vor den völlig unbewaffneten BVG-Mitarbeitern, die zudem nicht einmal Ausweise kontrollieren dürfen, haben die Drogenhändler keinen Respekt“, so der Experte. Dies sei anders gewesen, als bei den Streifen auch ein Polizist dabei gewesen war. Polizeipräsident Dieter Glietsch hatte das „Einsatzkommando BVG“ Anfang Juni aufgelöst. Die Sicherheit werde darunter nicht leiden, versprach Glietsch. Die Polizei werde stattdessen zielgerichtet schwerpunktmäßig kontrollieren. Zuständig für den Einsatz sind die örtlichen Direktionen, was die Abstimmung jedoch oft erschwere.

Mehrfach innerhalb kurzer Zeit gab es so Großeinsätze auf dem U-Bahnhof Turmstraße an der U9. Dort seien die Drogenhändler dann auch vertrieben worden, heißt es bei der BVG. Doch solche Einsätze würden von Beobachtern aus der Szene meist bereits während des Eintreffens der Polizei gemeldet. Beweismittel fänden die Beamten dann nur noch selten.

Ohnehin haben die Händler ihren Stoff nicht dabei, wenn sie auf dem Bahnsteig auf Kunden warten. Dort wird das Geschäft nur verabredet. Die Übergabe erfolgt dann nach einer Verabredung in der Regel in einem Zug.

„Mit den mobilen Streifen in Begleitung der Polizei haben wir es den Händlern schwer gemacht“, ist der BVG-Experte überzeugt. Systematisch habe man so die Verdächtigen von Bahnhof zu Bahnhof verfolgt – bis sie aufgegeben hätten.

Verschlechtert haben sich nach Angaben des Experten auch die Eintreffzeiten der Polizei nach Alarmierungen. Als es die Streifen noch gab, seien sie meist spätestens innerhalb von acht Minuten auf dem Bahnhof gewesen, zu dem sie gerufen worden waren. Heute dauere es „sehr lange“.

Zugenommen habe auch die Zahl der Sachbeschädigungen einschließlich der Schmierereien. Doch bei der BVG macht man sich intern keine Illusionen. Die regelmäßigen Polizeistreifen werde es beim derzeitigen Sparzwang wohl nicht mehr geben. Da könne passieren, was wolle.

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