Berlin : Die Degen singen wieder

Dumas’ Musketiere fochten oft auf Berlins Bühnen – ab heute auch im Theater des Westen

Andreas Conrad

„Arbeit, Arbeit, Arbeit! Proben zu ,Drei Musketieren’ im Schauspielhaus, Tonfilm für die Ufa (verm. ,Der unsterbliche Lump’) und in Briefen, fliegenden Blättern, Zeitungsabrissen, auf Notenpapier und auf Visitenkarten notierte sich Schicksal – Piririratatahirschipore petewuniklex.“ Ralph Benatzkys Tagebuch-Eintrag vom 14. August 1929 endet etwas kryptisch, aber eines ist klar: Über Auftragsmangel konnte sich der Berliner Komponist nicht beklagen. Und da die Premiere seines nach Motiven von Alexandre Dumas ersonnenen „Spiels aus romantischer Zeit mit Musik von gestern und heute“ bereits einen Monat später im Großen Schauspielhaus stattfinden sollte, wird Benatzky kaum gewusst haben, wo ihm der Kopf stand – zumal kurz zuvor seine erste Frau gestorben war.

An diesem Mittwoch hat der berühmte Romanstoff in Berlin wieder einmal Bühnenpremiere, diesmal im Theater des Westens mit der Musik der Brüder Bolland und Bolland. Die Stage Holding setzt große Hoffnungen in das Mantel-und-Degen-Stück, versucht daher, das Interesse mit glamourösen Premierengästen noch zu steigern. Sogar Gerard Dépardieu ist angekündigt, ein in der Fechtkunst erfahrener Mann. In „Der Mann mit der eisernen Maske“ spielte er selbst einen der drei Musketiere, den dicken Porthos. Unvergessen ist auch sein massiger Auftritt im Filmpalast zur Premiere von „Cyrano de Bergerac“ im Januar 1991 – eine Feier mit gedrückter Stimmung: Tags darauf brach der erste Golfkrieg los.

Da erinnert man sich schon lieber an die lange Bühnentradition, die der Dumas-Stoff gerade in Berlin besitzt. Insgesamt zehn Inszenierungen kann Lothar Schirmer, am Stadtmuseum für den Theaterbereich zuständig, benennen, hat dazu auch manches Programmheft und Bühnenbildmodell in seinem Fundus. 1844 war Dumas’ „Die drei Musketiere“ als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift „La Siècle“ erschienen, zwei Jahre später gab es „Die Musketiere der Königin“ bereits im Königlichen Opernhaus Unter den Linden zu bestaunen. Sechs Jahre später folgten, wiederum im Opernhaus, „Die lustigen Musketiere“. Benatzkys Komposition „Die drei Musketiere“ von 1929, die sich zwischen Operette, Revue und Singspiel bewegte, war die dritte Berliner Bühnenadaption. 1933 folgten „Die vier Musketiere“ im Theater an der Stresemannstraße, dem späteren Hebbel-Theater. Erstmals auf einer Berliner Bühne wurde auch Nachwuchs-Musketier d’Artagnan in die Titelzählung mit aufgenommen.

Nach dem Krieg hatte man von Mänteln und besonders Degen erst mal genug, aber 1964 hieß es wieder „Einer für alle, alle für einen“, in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. 1975 gab es an der Staatsoper das Tanzstück „Die drei Musketiere“, acht Jahre später eine Operetten-Version im Metropol-Theater. 1993 kämpften Athos, Porthos, Aramis und d’Artagnan in der Komischen Oper, zwei Jahre danach, in einer Produktion der Sozialen Künstlerförderung, auf der Bühne an der Zitadelle Spandau. Wohl die wildeste Bühnenversion aber hatte im September 1989 im Schillertheater Premiere: „D’Artagnan“, inszeniert von Jérôme Savary. Höhepunkt der Show: der Titelheld im Galopp als Schimmelreiter. Auch über den spektakulären Auftritt eines Pferdes in der Castorf-Inszenierung „Am Marterpfahl“ unlängst in der Volksbühne muss man also sagen: Alles schon da gewesen.

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