Berlin : Die Dienstleistungshölle in Berlin (Gastkommentar)

Arnaud Leparmentier

Und nun Berlin. Die Stadt ist in Feierstimmung, Touristen aus aller Welt flanieren durch die Hauptstadt Europas und genießen die letzten Sommertage. Die Neuankömmlinge aus Bonn tragen ein zufriedenes Lächeln zur Schau. Hat Deutschland sein mürrisches Gesicht mit dem Umzug abgelegt? Im deutschen Alltag hat sich wenig verändert. Der Kaufhof am Alexanderplatz musste die unbeschränkte Sonntagsöffnung wieder zurücknehmen. Die Deutsche Telekom, die einen neuen Telefonanschluss schaffen soll, kündigt ihr Kommen für "irgendwann zwischen 8 und 13 Uhr" an. All das erinnert an das Frankreich der siebziger Jahre.

Im Vergleich dazu ist Frankreich ein Dienstleistungsparadies. Versuchen sie mal, in Berlin am Sonnabend bei einer europäischen Fluglinie eine Reise zu buchen: Wir haben geschlossen! Zweiter Versuch in Frankreich: Sogleich wird der Hörer abgenommen. In Frankreich kann man selbst in kleinen Läden mit Kreditkarte bezahlen. In Deutschland sperren sich nach wie vor viele Kaufleute. Anders als Deutschland hat sich Frankreich in eine Dienstleistungsgesellschaft verwandelt. Hunderttausende neue Jobs sind entstanden, die Arbeitslosigkeit ist auf den Stand von 1993 gesunken. Was an Arbeitsplätzen in der Industrie verloren ging, wurde im Dienstleistungssektor mehr als kompensiert. In Frankreich boomt die Konjunktur, das Wachstum ist seit 1994 Jahr für Jahr höher gewesen als in der Bundesrepublik.

Die deutsche Gesellschaft nimmt Rücksicht auf die Wünsche der Angestellten, nicht auf die der Kunden. Deshalb entstehen wenig Dienstleistungs-Jobs. Die hiesigen Probleme reichen tiefer als die Frankreichs, da Deutschland seine Arbeitsmodelle verändern muss. Frankreich muss "nur" lernen, trotz des Staates und seiner Regelungen zu leben: Die Abgaben sind hoch, die Staatsverwaltung macht keine Anstalten zu sparen. Dennoch ist die Wirtschaft im Aufbruch. Selbst das Gesetz über die 35-Stunden-Woche hat positive Effekte. Es schafft keine neuen Arbeitsplätze, aber erzeugt Druck, die Arbeitszeiten und die Organisation zu flexibilisieren.

Hierzulande gilt Frankreich als altmodisches Land, von einem Sozialisten alter Tradition regiert wird, der links von Lafontaine steht. Deutschland aber scheint von einem Modernisierer regiert zu sein, der in die Fussstapfen Tony Blairs treten möchte. Schaut man näher hin, könnte es sein, dass Anspruch und Realität weit auseinanderfallen.Der Autor ist Korrespondent der französischen Zeitung "Le Monde".

Aus dem Französischen übersetzt von Christoph von Marschall.

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