Berlin : Die Distel geht auf Zeitreise

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Am Schluss kommt der gewagte Ausblick auf 2030: In 20 Jahren heißt der Kanzler Phillip Rösler und die Vize-Chefin der Bundesregierung Claudia Roth, gegenüber dem Dom stehen Stadtschloss-Arkaden, wegen der Klimakatastrophe liegt Berlin an der Ostsee, die Stadt wird von Wowi III. regiert und von acht Millionen Menschen bewohnt, die Hälfte sind arbeitslose Schauspieler. Prognosen dieser Art sind quasi das Anhängsel des neuen „Distel“-Programms. „Sechs and the City“ hat das Kabarett am Bahnhof Friedrichstraße die Zeitreise genannt, sieben Texter schicken das komplette Ensemble zwei lange Stunden in die Vergangenheit, um in der Gegenwart zu bestätigen, wie dereinst schon Wolfgang Neuss Berlin beschrieb – als ein „fruchtbares Gelände für sumpfige Typen“.

Dieses geliebte Sumpfloch steht plötzlich wie eine Eins zwischen Europas Metropolen, trotzig und stolz, trotz finsterer Vergangenheit und widersprüchlicher Gegenwart mit ihrem über alles nörgelnden, stillos bekleideten Personal. Hart aber fair geht es zu, „man muss sich doch auf die paar Klischees verlassen können“, sagt einer, und so tauchen sie alle der Reihe nach auf – Berlin-Programme kommen wohl ohne Currywurst samt Variationen auf das „Arm, aber sexy“ nicht aus. Claudia Graue, Dagmar Jaeger, Timo Doleys, Edgar Harter, Stefan Martin Müller und Michael Nitzel können sich unter der Regie von Martin Maier-Bode richtig austoben. Dabei geht es auch klamottig zu, wenn sich in einer etwas peinlichen Kostümschau Doppelgestalten in einer Figur vereinigen: Oben Königin Luise, unten Theo Lingen oder Alter Fritz oben, Josephine Bakers Bananen unterhalb der Gürtellinie, ogottogott. Möglich wird das alles durch eine seltsame Zeitmaschine, die die Sechs in die Vergangenheit beamt.

Wer den pointierten Polit-Witz erwartet, sollte besser „Neues aus der Anstalt“ im ZDF gucken. Die Distel zeigt eher eine freche, bunte Berlin-Revue; der Abschlusssong klingt sehr versöhlich: Wir lieben Berlin, weil: Det macht uns keena nach. Lothar Heinke

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