Berlin : Die Diva und der General

Die Ehrenbürgergalerie im Abgeordnetenhaus erhielt in Gegenwart russischer und amerikanischer Gäste zwei neue Portraits: Marlene Dietrich und Nikolai Bersarin

Elisabeth Binder

Der Kalte Krieg zwischen Russen und Amerikanern geriet nie in eine heiße Phase und nahm ein glückliches Ende . Als Walter Momper gestern die in der Galerie des Abgeordnetenhauses bislang noch fehlenden Porträts der Berliner Ehrenbürger Marlene Dietrich, deutsche Amerikanerin, und des Russen Nikolai Bersarin feierlich enthüllte, war das fast wie eine Erinnerungszeremonie. Die großen Unterschiede zwischen den beiden beschrieb der russische Gesandte Wladimir Polenow: Hier Bersarin, der aus dem harten militärischen Alltag kam, dort Marlene Dietrich, die in der glitzernden Welt Hollywoods lebte. Verbunden habe beide ihre tiefe Abneigung gegen Intoleranz, gegen Krieg und Kriegstreiber.

Das Portrait der Berlinerin, die 1937 amerikanische Staatsbürgerin wurde und auf eigenen Wunsch in Berlin begraben wurde, malte ihr Enkel Matthew Riva. Nikolai Bersarins Enkelin Alexandra Lazuk war selbst aus Moskau gekommen. Die Augenärztin ist öfter in Berlin, hat schon mal einige Monate im Krankenhaus Neukölln gearbeitet und besucht gern ihre Feunde hier. Besonders gut verstand sie sich mit Marsha Ann Coats, die in tadellosem Deutsch eine Rede auf Marlene Dietrich hielt. Der US-Botschafter hatte seine Frau als Vertretung geschickt, weil er selbst in Würzburg Truppen in den Irak verabschieden musste. Marsha Ann Coats erinnerte daran, dass 25 Prozent der US-Amerikaner deutsche Vorfahren haben und sah in der Zeremonie auch „auf wunderbare Weise die dauerhafte Stärke der deutsch-amerikanischen Beziehungen“ manifestiert.

Alexander Iwanowitsch Penschin gehörte als Gardeoberst zu den Truppen, die 1945 mit Bersarin das Gelände rund ums Abgeordnetenhaus eroberten. Der 79-Jährige erinnerte sich an die große Trauer, als der erste Stadtkommandant Berlins am 16. Juni 1945 bei einem Motorradunfall starb. Walter Momper hob dessen Verdienste beim Wiederaufbau der Infrastruktur und der allgemeinen zivilen Ordnung hervor. Auf Wunsch seiner Familie kommt ein Portraitfoto in die Galerie. Der Gesandte sah in der Aufnahme des Bildes den Beweis, dass Geschichte nicht umgeschrieben werden könne. Walter Momper sagte, der Streit um die Wiederaufnahme Bersarins in die Liste der Ehrenbürger von Berlin bleibe „unverständlich, um nicht zu sagen: blamabel“. Ganz besonders freute sich der Präsident des Abegordnetenhauses, unter den Gästen auch Judy Winter zu entdecken, die als „Marlene“ Furore gemacht hat. Für ihn sei sie die Verkörperung der großen Dietrich: „Das lässt sich jetzt auch nicht mehr auflösen.“

Nach der heiteren Zwischennote erinnerte er daran, warum diese Zeremonie ausgerechnet gestern stattfinden musste. Am 30. Januar 1933 feierten Nazikolonnen mit einem Fackelzug durchs Brandenburger Tor die Machtergreifung. Und so weit der russische General und die deutsch-amerikanische Film-Diva auch sonst im Leben auseinander gewesen sein mögen, eins hatten sie doch gemeinsam: ihre unerschütterliche Abneigung gegen das Naziregime. Dagegen kämpften sie beide, wenn auch aus entgegengesetzen Richtungen.

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