Berlin : "Die Dort Droben": Silvesterfeuerwerk bei Bully Buhlan

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Es sind diese schönen Stimmungen, die sich beim Blick auf alte Villen zwischen hohen Bäumen wie von selbst einstellen. Kommt dann noch der Sommerwind und lässt die Baumwipfel rauschen, ist die Idylle perfekt. Ach, seufzt man - und blättert die Buchseite mit der Schilderung eines Regengusses um, der soeben das Natursteinpflaster der Fahrbahn benetzt hat. Regentropfen auf Naturstein sind einfach schöner als auf Asphalt oder gar Beton. Aber Naturstein ist Vergangenheit. Asphalt ist Gegenwart. Beton ist Gegenwart und Zukunft. Der Schauspieler und Schriftsteller Andreas Grothusen hat es entschieden mit der Vergangenheit, und er lässt der Gegenwart nicht viel durchgehen. Keine grundlos gefällten, alten Bäume, keine Barbareien an wunderschönen Villen, keine Zerstörung der Idylle. Grothusens Idylle ist der Steglitzer Fichtenberg, ein seit 125 Jahren besiedeltes Gebiet. Beschworen wird eine heile Welt mit Landhäusern und Villen, vor deren Fenstern Pferdefuhrwerke entlang poltern. Yehudi Menuhin und Albert Einstein kommen zu Besuch, der Maler Max Klinger malt ein Vestibül aus, und irgendwann erscheint der Schlagersänger Bully Buhlan im Obergeschoss seiner Villa und singt unbegleitet seine Hits. Vor der Tür steht Buhlans Porsche, und der Leser erfährt zudem, dass der Schlagerstar aus den 50er Jahren sich damals mit dem schönsten Silvesterfeuerwerk auf dem ganzen Fichtenberg hervortat.

Daneben enthält das Bändchen eine ganze Menge Heimatgeschichte. Der Autor lässt seine Leser keinen Augenblick daran zweifeln, wie sehr er den Fichtenberg liebt und wie gut er ihn kennt. Schilderungen der Schönheit und Geborgenheit setzt Grothusen solche der Zerstörungen entgegen. Etwa einen Fall von 1977, als in der Schmitt-Ott-Straße eine 120 Jahre alte Roteiche wegen angeblicher Krankheit gefällt wurde. Später stellt sich heraus, das der prächtige Baum völlig gesund war und offenbar nur wegen eines gefälschten Gutachtens gefällt wurde.

Wen die ebenso liebevolle wie detailversessene Schilderung einer vergangenen Epoche mit ihren typischen Stimmungen interessiert, der sollte "Die Dort droben" wirklich einmal zur Hand nehmen. Nachlässigkeiten in der Genauigkleit sind freilich auch Andreas Grothusen unterlaufen. So beschreibt der Autor, dass der frühere Dietrich-Schäfer-Weg (heute Carl-Heinrich-Becker-Weg) 1985 von der Friedensbewegung symbolisch in Anne-Frank-Weg umbenannt wurde. Auf dem Foto mit dem zerrissenen Schild liest man aber anderes: "Anne-Frank-Str.".

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