• Die durch Lärm und Staub geplagten Anwohner des Viktoria-Quartiers drohen mit Schadensersatzforderungen, die Investoren sind kompromissbereit

Berlin : Die durch Lärm und Staub geplagten Anwohner des Viktoria-Quartiers drohen mit Schadensersatzforderungen, die Investoren sind kompromissbereit

Tobias Arbinger

Wo gebaut wird, gibt es Lärm. Besonders krass zu spüren bekommen das derzeit die Nachbarn der früheren Schultheiss-Brauerei am Viktoriapark. Seit Wochen erdulden sie Ausschachtungsarbeiten für das geplante Viktoria-Quartier, ein Kultur-, Wohn- und Gewerbeviertel. Genervt ist beispielsweise Anwohner Bernhard Hohnstädt, dessen Erdgeschosswohnung an der Dudenstraße wenige Meter von der Baugrube entfernt liegt. Den ganzen Tag über donnerten Baustellenfahrzeuge vorbei, erzählt er. Die Pressluftmeißel tackerten zeitweise eine halbe Stunde ohne Unterbrechung. Anfang Juli sei auch außerhalb der erlaubten Zeiten, vor sieben und nach zwanzig Uhr, gearbeitet worden. Zudem könne er "tagsüber nicht lüften, weil Dreck rüberfliegt", sagt der 42-jährige Möbeltischler.

Hohnstädt ist einer von über vierzig Mietern einer Wohnanlage des Erbbauvereins Moabit (EVM) an der Dudenstraße, die ihre Miete wegen des Lärms nur noch unter Vorbehalt zahlen und mit Mietminderung drohen. Etwa 160 Mieter der Genossenschaft fühlen sich nach Angaben von EVM-Vorstand Jörg Dresdner von den Arbeiten belästigt. Die Anwälte des EVM haben deshalb von den Bauherren Schadenersatz gefordert. "Wenn es zum Ende des Monats zu keiner einvernehmlichen Lösung kommt, werden wir klagen", sagt Dresdner. Carsten Grauel von der Viktoria-Quartier-Entwicklungsgesellschaft sagt, er finde es "ungewöhnlich", dass so schwere Geschütze aufgefahren werden. Dennoch könne er sich vorstellen, dass um des Friedens willen gezahlt werde.

Der Streit um den Baulärm ist ein weiteres Kapitel in der Auseinandersetzung um das 300-Millionen-Mark-Projekt. In Neubauten und in denkmalgeschützten Brauereigebäuden sollen Ateliers, Wohnungen, Geschäfte und ein kleines Hotel mit 70 Betten entstehen. Zudem wird dort die Berlinische Galerie Platz finden. Die EVM hatte sich unter anderem gegen die geplante Randbebauung ausgesprochen, die die eigenen Häuser um 13 Meter überragen würde. Diesen Einspruch wies das Kreuzberger Stadtplanungsamt jedoch zurück. Der Bebauungsplan ist noch nicht in Kraft, vor etwa zwei Wochen endete die Frist für die Bürgerbeteiligung. Bei anderen Streitpunkten - beispielsweise über die Zahl der Einfahrten zur Tiefgarage und über einen geräuschmindernden Asphalt auf der Methfesselstraße - machte der Bauherr Zugeständnisse.

Eine Schadenersatzforderung liegt der Viktoria-Quartier-Entwicklungsgesellschaft Carsten Grauel zufolge noch nicht vor. Dass die Anwohner belästigt werden, bezweifelt er nicht. Allerdings hätten diese nach Schließung der Brauerei "fünf Jahre lang in paradiesischen Zuständen" gelebt. Auch, dass zeitweilig Lärmschutzbestimmungen überschritten wurden, räumt Grauel ein. Die verantwortliche Firma sei gerügt worden. Er kündigte an, dass man sich mit einem Fest bei den Mietern bedanken werde.

Bis Ende 2001 soll das Quartier größtenteils fertig sein. Dass ein Bauherr eine Entschädigung wegen Lärms leistet, hat es schon mehrfach gegeben, wie beispielsweise für Anwohner der Köthener Straße am Potsdamer Platz. Nach Angaben des Mietervereins kann ein Hauseigentümer eine solche Zahlung beanspruchen, wenn eine "wesentliche Beeinträchtigung" durch die Baustelle vorliegt, also Lärmschutzwerte überschritten werden. Für Anwohner Jörg Dresdner steht das außer Frage.

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