Berlin : Die Eine-Million-Kilometer-Frau

Die Berliner Urologin Sigrid Schwenn macht in Deutschland die meisten Hausbesuche – und hat deshalb Ärger mit ihrer Ärzteorganisation

Sven Goldmann

Die Mittagspause ist ein Luxus, den sich Sigrid Schwenn selten gönnt. Vor zehn Minuten ist sie von einem Hausbesuch zurückgekommen, hatte zehn Minuten Ruhe, himmlische Ruhe, bevor das Telefon klingelt. Sigrid Schwenn zögert ein paar Sekunden, aber das Telefon lässt ihr keine Ruhe, also hebt sie ab. „Hm, nach Lichtenberg? Notfall? Natürlich, ich komme sofort.“ Wieder keine Mittagspause. Es wird eine Reise durch die halbe Stadt, denn Lichtenberg ist weit weg von ihrer Praxis am Gesundbrunnen.

Sigrid Schwenn ist Urologin, und die aktuelle Diskussion über die unterschiedliche Behandlung von Kassen- und Privatpatienten verfolgt sie einigermaßen irritiert. Frau Schwenn macht schon mal deshalb keine Unterschiede, weil sie fast nur Kassenpatienten behandelt. Das Wartezimmer ist stets übersichtlich gefüllt, denn die Ärztin lässt die meisten ihrer Patienten nicht kommen, sie kommt zu ihnen. 1830 Hausbesuche hat sie im vergangenen Quartal, absolviert. Macht um die zwanzig pro Tag. Aus ihrem regelmäßigen Schriftverkehr mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) weiß sie: „So viele Hausbesuche wie ich macht in Deutschland kein anderer Arzt.“

Es gibt Patienten, die wollen ihr einen Orden verleihen. Andere schicken ihr Prüfer auf den Hals. Frau Schwenn bekommt oft Post von der KV, und die ist selten in freundlichem Ton gehalten. Im aktuellen Fall soll die „sehr geehrte Frau Dr. Schwenn“ eine „schriftliche Stellungnahme“ abgeben für alle Hausbesuche im vierten Quartal des Jahres 2005, „von dem Ergebnis der Prüfung werden Sie in Kenntnis gesetzt“. Unterschrieben hat den Brief ein Herr Fleischer von der „Arbeitsgemeinschaft Wirtschaftlichkeitsprüfung“. Am Telefon sagt Herr Fleischer dem Tagesspiegel: „Wir überprüfen nur die Abweichung von der Norm.“ Heißt das, dass man sie bei der KV für eine Betrügerin hält? „So könnte man das wohl interpretieren“, sagt Frau Schwenn. 18 Mal hat sie sich mit der KV schon vor Gericht getroffen, „17 Mal habe ich gewonnen. Beim Sozialgericht begrüßen mich die Sekretärinnen schon wie eine alte Bekannte mit Namen.“ Gibt es einen persönlichen Kontakt zur KV? „Nein, die schreiben nur Briefe.“

Einen Menschen wie Sigrid Schwenn aber kann man schwerlich auf dem Weg der Geschäftspost kennenlernen. Man muss sich schon die Mühe machen, sie in ihrer Praxis zu besuchen. Badstraße, Hochparterre. Frau Schwenn trägt weiße Turnschuhe, einen roten Rock und eine orange Strickjacke, unter der ein weißer Spitzenkragen hervorlugt. An der Wand ihres Arbeitszimmers hängt eine riesige stilisierte Armbanduhr, daneben das Foto eines verschneiten Tempels in Kyoto. Der Schreibtisch ist übersäht mit Papieren, „na, das sieht hier ja toll aus“, sagt Frau Schwenn, aber dann klingelt schon wieder das Telefon und die Papiere bleiben, wo sie sind.

Ein normaler Arbeitstag beginnt um halb acht mit dem ersten Hausbesuch. Für Sigrid Schwenn sind alle Tage normale Arbeitstage, ein Prostataleiden ist am Wochenende nicht weniger unangenehm als an Werktagen, und wenn ein Dauerkatheter nicht rechtzeitig gewechselt wird, bilden sich in der Blase Nierensteine, „soll ich das meinen Patienten zumuten?“ Nur weil zufällig Sonntag ist? Um halb zehn kommt sie in die Praxis, bleibt bis zur Mittagsstunde, dann stehen wieder die nächsten Hausbesuche an, nachmittags geht es zurück in die Praxis, nach sechs folgen wieder Hausbesuche. Würde sie das nicht tun, müssten ihre Patienten öfter die Erste Hilfe holen, sagt sie. Selten kommt sie vor 23 Uhr ins Bett. Frau Schwenn ist ledig und hat keine Kinder. Lebt sie für die Arbeit? „Nein“, sagt Frau Schwenn, die Arbeit ist das Leben, „ich habe meinen Beruf immer so verstanden, dass er mich zum Helfen verpflichtet.“ So hat sie es von ihrem Vater gelernt, der erst Schiffsarzt war und später 30 Jahre lang eine Praxis als Allgemeinmediziner betrieb, ebenfalls in Wedding, Acker-/Ecke Feldstraße.

Das große Geld verdient ein Urologe mit Hausbesuchen nicht. „Für einen Besuch gibt es von der Kasse 20 Euro brutto, aber nur, wenn es ein Einzelbesuch ist. Wenn ich im Altersheim mehrere Patienten behandle, bekomme ich nur noch zehn Euro. Das Material für einen Katheterwechsel kostet mich 8 Euro netto.“ Glasröhrchen, Gummischlauch, „die Krankenkasse bezahlt mir die beiden Wattetupfer. Bei solchen Patienten zahle ich drauf.“ Frau Schwenn ist oft in Altersheimen zu Gast, ihre Patienten sind im Durchschnitt zwischen 70 und 80 Jahre alt. Tag für Tag pendelt sie zwischen Wedding und Lichterfelde, Marzahn und Pankow. Seit ihrem 18. Lebensjahr fährt sie Auto, ihr Dienstwagen ist ein Mercedes, den sie 1993 angeschafft hat. Ihrer Statistik nach hat sie in ihrem Berufsleben eine Million Kilometer auf dem Weg zu Patienten zurückgelegt.

Frau Schwenn sagt, viele Urologen würden Hausbesuche wegen der zu hohen Belastung ablehnen. Sie ist 64 Jahre alt und zu 80 Prozent schwerbeschädigt. Sie war ein junges Mädchen, als sich Streptokokken an ihrer Herzklappe festsetzten. Zu Beginn der achtziger Jahre dachte sie, es gehe auch ohne das blutverflüssigende Medikament – und war in der Folge sechs Wochen lang bewusstlos. Bei einer folgenden Operation bekam sie 23 Blutkonserven, eine davon war schlecht, und wieder musste sie ins künstliche Koma versetzt werden. Seitdem funktioniert nur noch das linke Stimmband.

Wie lange will sie sich den Job noch antun? „Vom Gesetz her darf ich noch vier Jahre arbeiten, das habe ich auch vor.“ Geld für den Ruhestand hat sie genug beisammen, „ich hatte in den letzten Jahren ja keine Zeit, welches auszugeben“, sagt sie. Der letzte Urlaub liegt sieben Jahre zurück, denn Frau Schwenn findet keine Kollegen, „die mich im Urlaub ersetzen. In die Praxis wollen sie alle, aber die Hausbesuche will keiner machen.“ Also setzt sie sich wieder in ihren Mercedes, „ich muss jetzt los nach Lichtenberg, haben Sie noch Fragen, junger Mann?“ Ja, wie wird der Streit mit der KV ausgehen? Ach, sagt Sigrid Schwenn, und ihre Augen funkeln angriffslustig, „das wird schon seinen Weg gehen“, aber lästig ist es allemal.

Seit Jahrzehnten dokumentiert sie alle Hausbesuche handschriftlich in einer DIN-A3-Kladde, „muss ich halt alles noch mal abschreiben für die KV“, sagt sie. Dabei dürften wohl wieder ein paar Mittagspausen draufgehen.

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