Berlin : Die Einfühlsame

Theda Lindloff hat ihre Berufung gefunden: Sie ist Gastgeberin und vermittelt Wohlgefühl – mit sanftem Druck

Susanne Leimstoll

Wer auf der grauen Matte Platz genommen hat, erwartungsvoll da liegt, den aufblühenden Kirschblütenzweig in der schlichten Glasvase im Blick, das Plätschern des kleinen Zimmerbrunnens im Ohr, registriert zufrieden, dass Dante, Schöpfer der göttlichen Komödie, Lorbeer umkränzt von der Wand herab über ihn wacht. Dante sagt eigenartigerweise: „Wir wollen Ihnen nicht den Himmel auf Erden versprechen. Aber damit Letzterer Ihnen nicht auf den Kopf fällt, nehmen wir Ihnen die Erde von den Schultern und richten sie so zurecht, dass sie wieder unter Ihren Füßen ruht.“ Theda Lindloff hat dem Philosophen den Spruch in den Mund gelegt und ihn auf einen weißen Wandschmuck gedruckt. Die Aussage passt ideal zu allem, was die Shiatsu-Therapeutin bietet: Sie befreit die Menschen von der Bürde des Alltags.

Für viele ihrer Klienten ist es der erste Kontakt mit Shiatsu. Es sind Leute aus dem Kiez in Prenzlauer Berg, auch Laufkundschaft, im Sommer oft Touristen. Sie betreten ein Geschäft, das von draußen aussieht wie ein Lokal: neben dem Eingang schwarze Schiefertafeln mit dem Tagesmenü für den Körper. Und dann dieser Name: Leibkultur. Alles Absicht. Hier gibt es was für Leib und Seele. Shiatsu als Fast Food, zehn, 15 Minuten lang oder als großen Gang à 60 Minuten. Auch die Kurse wechseln: mal Reiki, mal Shin Tai, Fußreflexzonen-Massage oder Alexandertechnik, angeboten von verschiedenen Fachleuten. Seit einem Jahr gibt es Theda Lindloffs Adresse. Die gebürtige Hessin, seit elf Jahren in Berlin, gelernte Modedesignerin, die jahrelang als Gewandmeisterin für Theater arbeitete, hat Shiatsu vor Jahren erlernt. „Aber ich wusste nicht, in welcher Form ich es anbieten könnte.“ Die Idee mit dem Ladenlokal, in Amerika und Asien längst auf dem Markt, haben Bekannte ihr vorgemacht. Letztes Jahr hat Theda Lindloff sie in Berlin gewagt.

Ihr neuer Beruf macht sie glücklich. Was sie tut, entspricht ihrem Sternbild Fische: Menschen behutsam umsorgen, ihnen helfen, ohne viel reden zu müssen. „Wenn mir jemand erzählt, wie es ihm geht, weiß ich, was ich tun muss“, sagt sie. Manchmal entsteht daraus fast ein Arzt-Patienten-Verhältnis. Manchmal ist sie Psychologin. Wer sich behandeln lässt, merkt, was das eigentliche Thema ist hinter seinen physischen Beschwerden. „Shiatsu macht bewusst, was einen bewegt.“ Rückenschmerzen? „Liegt nie nur an der falschen Matratze“, sagt Theda Lindloff. „Etwas arbeitet in einem. Eine Situation, mit der man nicht gut umgehen kann.“ Manchmal wird dann klar, dass eine Entscheidung zu treffen ist, ein Neuanfang ansteht. „70 Prozent der Leute leiden unter ihrer unguten Arbeitssituation. Und auch Zorn gehört als Gefühl dazu.“ Was tut die Shiatsu-Therapeutin dann? Sie behandelt den Gallenblasen-Meridian, einen von zwölf, die den Körper durchfließen und, wie die Chinesen glauben, bestimmten Energieformen entsprechen. Sie hockt im Fersensitz hinter dem Schmerz geplagten Menschen, legt leicht die Hände auf, versucht, sich einzufühlen und mit sanftem Druck zu lösen, was sich aufgestaut hat. Vertrauen breitet sich aus, ein Zuhause-Gefühl. Man lässt sich verwöhnen. Und Theda Lindloff ist, was ihr entspricht: die Gastgeberin.

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