Berlin : Die Einladung der schönen Inderin

Ein Roman aus dem Berlin der wilden Zwanziger

Andreas Conrad

Eine Männerfantasie, so fängt es an. Die Zutaten sind bekannt: ein zum Lotterleben neigender junger Mann aus gutem Hause, der angeblich in Berlin Chemie studiert, während es doch eher die zahllosen Lokale sind, die ihn interessieren; eine rätselhaft-exotische Schönheit, die ihm während einer der nächtlichen Expeditionen einen Zettel zusteckt: „Übermorgen hier. Gleiche Zeit. Ich erwarte Sie“; ihre Bitte, sie durch die „intimen“ Orte des Nachtlebens zu führen; eine Verführung mit allem Drum und Dran nach knapp 100 Seiten.

Der Roman von Wolfram Fleischhauer beginnt vielversprechend und ist als „Schule der Lügen“ ebenso betitelt, ein erotisch grundiertes Rätselspiel, in das der orientierungslos dahintaumelnde Edgar Falkenbeck- von Rabov sich immer tiefer verstrickt, eine Familiensaga, die ihn auf den Spuren seiner allzu bald verschwundenen Liebesfee zu den verworrenen Wurzeln seiner Existenz führt. Die Bekanntschaft mit der Inderin kam offensichtlich nicht zufällig zustande, war sorgfältig eingefädelt, wie die kaum weniger zwielichtig agierende Familie des Firmenerben bald herausfindet, auch dies nur eine Station seiner Wanderung durch immer neue Irrungen, Wirrungen, Täuschungen und Lügen – quer durch das am Abgrund tanzende Berlin des Jahres 1926, über London bis nach Madras und zurück. Freilich weiß auch der Leser mitunter nicht mehr, wo ihm der Kopf steht.

Ein Roman mit indisch-mystischem Hintergrund und teilweise indischem Handlungsort passt perfekt zum Thema der diesjährigen Buchmesse. Auch auf dem Subkontinent hatte Fleischhauer recherchiert – wie er schreibt, „mitten im Tsunami-Chaos“. Aber schon diesseits des Ganges, am Ufer der Spree, bietet die „Schule der Lügen“ spannende Unterhaltung für vernieselte Herbstabende. Die zwanziger Jahre in der deutschen Hauptstadt gelten nun mal als einer der interessantesten und aufregendsten Abschnitte in der Geschichte Berlins. Fleischhauer, der hauptberuflich als Konferenzdolmetscher zwischen Berlin und Brüssel pendelt, hat diese Zeit gründlich studiert, was paradoxerweise ebenso den Reiz wie den Mangel des Buches ausmacht. Wenn er Edgar darüber sinnieren lässt, dass in der „Weißen Maus“ die Berber seit Neuestem nicht mehr tanze, „weil sie einem Kunden eine Flasche Champagner auf dem Kopf zerschlagen hatte“, so ist dies zwar korrekt, die Tänzerin Anita Berber war vom Besitzer des berühmten Lokals in der Jägerstraße tatsächlich entlassen worden, aber zugleich wirkt diese Akribie im historischen Detail mitunter nur angelesen, wie das Ausbreiten lexikalischen Wissens. Das ist keine verwerfliche literarische Methode, auch Thomas Manns oder Umberto Ecos Werke sind ohne solchen Sammeleifer nicht denkbar, aber das Material muss sich eben organisch zusammenschließen, mehr sein als nur Zeitgeist-Dekor für das zudem leider holzschnittartig geratene Personal aus sinnsuchendem Bonvivant, dumpfem Nazi-Schläger, nationalkonservativem Familienclan, indischen Gurus und einer verführerischen Schönheit.

Und so ist es wohl symptomatisch, wenn der Autor für den Mord, in dem alles gipfelt, nicht irgendeine Methode wählt, kein Gift, kein Messer, keinen Strick. Nein, eine dunkle Maybach-Limousine rollt heran, stoppt das Taxi mit dem auserkorenen Opfer, Schüsse knallen, die Mörder brausen davon. So ähnlich verlief eines der bekanntesten Attentate in den Zwanzigern, das an Walther Rathenau auf der Koenigsallee in Grunewald. Immerhin, auf die Handgranate wurde diesmal verzichtet.

— Wolfram Fleischhauer: Schule der Lügen. Piper Verlag, München. 528 Seiten, 22,90 Euro.

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