Berlin : Die elegante Unbekannte

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Von C. van Lessen

„Wir müssen raus, das Haus wird verkauft“, sagt Fotohändler Friedrich Kauffmann. Das Wann ist noch ungewiss. Seit 26 Jahren führt er das kleine Geschäft schräg gegenüber vom Bahnhof Friedrichstraße, im einstigen Erdgeschoss des im Krieg zerstörten Metropol-Hotels. Er ist einer der ganz wenigen Geschäftsleute, die hier an der Friedrichstraße seit der Wende überlebt haben. Sein Laden wird flankiert von einem Blumengeschäft, dem Bistro Metropol, das Döner anbietet, der Kleinen Konditorei am Metropol mit hausgemachter Soljanka, und dem Pergamon-Bistro, einer Döner-Konkurrenz.

„Wir sind der Hauseingang“, sagt er stolz und weist auf das hohe dunkle Gewölbe über der niedrigen Ladentür. Bald wird alles abgerissen, die Kündigungsfrist beträgt vier Wochen. Das macht dem 69-Jährigen nicht eben Mut. Ein neues Hotel ist geplant, weiter hinten an der Planckstraße soll eine Garage für Touristenbusse entstehen. Alles wird anders. Nirgends hat die Stadt in den letzten Monaten so ihr Gesicht verändert wie an der Friedrichstraße rund um den Bahnhof, der selbst nicht nur herausgeputzt wurde, sondern zu einer Mini-Ausgabe eines der üblichen Einkaufszentren geworden ist.

Wer einige Zeit nicht in Berlin war und mit dem Zug angereist ist, findet sich auch nach den ersten Schritten außerhalb des Bahnhofs kaum zurecht. Selbst Berliner, die hier täglich vorbeikommen, reiben sich die Augen und können sich schwer vorstellen, wie es hier vor ein, zwei Jahren ausgesehen hat.

Etwa vor dem zurückgesetzten Hochhaus des Internationalen Handelszentrums. War dort, wo jetzt achtstöckige Ergänzungsbauten fast bezugsfertig sind und den Anschluss an die Friedrichstraße und ihren Bürgersteig herstellen, eine Freifläche? Nein, an der Ecke zur Georgenstaße stand ein Flachbau, in dem zuletzt ein Supermarkt und ein Pizza-Restaurant untergebracht waren, auch billige Kleider verkauft wurden.

An der anderen Ecke gab es eine vielbesuchte Imbissbude, und dazwischen war ein breiter Zugang zum Hochhaus. Friedrich Kauffmann hat das alles fotografiert. Der heutige Zugang, noch durch einen Bauzaun abgesperrt, ist inzwischen schmal geworden, führt durch eine lichtlose Häuserschlucht, die eng ist und mit dem Hochhaus so aussieht, als läge sie wer weiß wo, nur nicht in Berlin. Wo der Supermarkt stand, wird im Sommer ein Hotel mit 269 Vier-Sterne-Zimmern eröffnen, und wo der Kiosk asiatische Nudeln brutzelte, will Opel in Kürze ein „Marken- und Kommunikationszentrum“ einrichten. Das „Domizil an der Friedrichstraße“ in den oberen Etagen offeriert exklusive Eigentumswohnungen.

Wie überhaupt an fast jedem Haus Hinweise auf Mietmöglichkeiten hängen. Das deutet darauf hin, dass Neubauten hier kein Selbstläufer sind. Steht nicht jenseits der Linden das stattliche Büro- und Geschäftshaus Friedrichstraße 61 leer, zu Preisen von 43,50 Euro pro Quadratmeter Laden, 17,90 pro Quadratmeter Büro? Hat nicht Mercedes seine Filiale aufgegeben? Stehen nicht in Berlin 1,25 Millionen Quadratmeter leer? Sind die Friedrichstadtpassagen nach Anfangsschwierigkeiten wirklich auf der sicheren Seite? Wir hätten gern einen der zuständigen Geschäftsführer, einen ehemaligen Bausenator und wirklichen Mann vom Fach, dazu gefragt. Aber er wollte sich nicht sprechen lassen. Also wieder zurück auf die nördliche Seite der Friedrichstraße, die sich jetzt so verändert hat. Rufen wir einen Investor an, der seinen n nicht in der Zeitung lesen will. Der Mann sagt deutlich, dass es besser sein könnte mit der Vermietung, dass beispielsweise im Bereich der Dorotheenstraße die weiträumig nahen Absperrungen der amerikanischen Botschaft potenzielle Geschäftsinteressenten abschreckten, aber das es hoffnungsvolle Verhandlungen gebe und wohl bald ein „hochwertiger Imbiss“ gewonnen werden könnte.

Es wird immer feiner im Gebiet, nicht nur wegen der Scharen von Büroleuten und der Bundestagsabgeordneten und ihrer Mitarbeiter, die hier ein wenig Stadtluft schnuppern. Bediente Kauffmann nicht eben noch Joschka Fischer, ließ sich Egon Bahr nicht erst Passbilder machen?

Es ist nicht nur feiner, auch merklich dunkler geworden, und wer zwischen Linden und dem Bahnhof auf und ab geht, spürt dicke Luft. Die Friedrichstraße ist so schluchtartig geworden, dass sich nicht nur die Autos, sondern auch die Abgase atemberaubend stauen. Dort, wo sich die Dorotheen-Höfe und das Friedrich-Karree aus den Gerüsten schälen, Büro- und Ladenmieter werben und versichern, dass hier der „Schlüssel zur Hauptstadt“ steckt, war nach dem Krieg ein kleiner Park entstanden. Eine grüne Lunge, gern von Angestellten während der Mittagspause genutzt, später Treffpunkt auch von Punks und Obdachlosen, die sich jetzt vorm Tränenpalast herumdrücken und hin und wieder auf dem Gehweg schlafen.

Dem Grün wurde zum Verhängnis, dass es auf altem Baugrund wuchs. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung fand, dass die Grünfläche der Rekonstruktion des Stadtbildes im Weg stand. Proteste kamen zu spät. Bevor das Abholzen begann, machte Fotograf Kauffmann vom Dach des Dussmann-Hauses ein Foto, das den Park vor dem Bahnhof Friedrichstraße wie einen Wald erscheinen lässt. Die Erinnerung: War es nicht die Havanna-Bar des in den siebziger Jahren errichteten neuen Metropol-Hotels, auf deren Terrasse mit kleinem Wasserfall Gäste auf Hinterhauswände gegenüber blickten? Hier wirkte Ost-Berlin ohne zahlreiche Neubauten ringsum einzigartig turbulent. Längst ist das Metropol zum Maritim erweitert und fast ans Dussmann-Haus auf der anderen Straßenseite herangerutscht, aus der Terrasse wurde ein teures Restaurant.

Zur besten Mittagszeit kann es vorkommen, dass hier nur ein einziger Gast speist, während das Suppenlokal auf der anderen Straßenseite, aber auch das Bistro nebenan proppenvoll sind. Der Massengeschmack wird ohnehin eher in den Imbissen des herausgeputzten Bahnhofs gedeckt.

Friedrich Kauffmann, der Fotohändler, ist skeptisch, ob die Veredelung der Gegend das richtige Konzept ist. Das wirkliche Berlin, sagt er, sei das nicht, das gäbe es weiter hinten. Und er weist zum Friedrichstadtpalast und darüber hinaus. Das ist die Richtung, nach der auch immer wieder die Touristen fragen, wenn sie durch die offene Ladentür hereinschauen.

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