Berlin : Die Erinnerung an das türkische Zuhause fällt schwer

Jeannette Goddar

Anders als sein Vater sprach der Pensionär über sein Leben in der Türkei - mit der Schöneberger Bürgermeisterin Elisabeth ZiemerJeannette Goddar

Damals, im Jahre 1935, war die Türkei noch weit. Vier Tage und Nächte dauerte die Reise, mit dem Orient-Express einmal quer durch Europa. Der siebenjährige Junge war müde und erschöpft, als der Zug in den Bahnhof von Istanbul einfuhr. Der Vater, der nur knapp den Nationalsozialisten entkommen war, stand auf dem Bahnsteig und holte ihn ab. Was dann folgte, war eine Stunde, die der Junge von damals nie vergessen wird: "Der Blick vom Bosporus auf Istanbul war einer der schönsten meines Lebens."

Als Pensionär nicht mehr mit den Sorgen eines Vorstandsvorsitzenden der Daimler-Benz AG belastet, hat Edzard Reuter, Sohn des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter, Zeit und Muße, vor Publikum über seine Kindheit zu plaudern. Elfeinhalb Jahre lang lebte er in Ankara, lernte "wie von selbst" türkisch, außerdem amerikanisch, weil er die Abende oft im Kino verbrachte. Einen "richtigen Cowboyjargon" habe er sich dort angewöhnt, sagt er und lacht.

Doch Reuter, der der Einladung der Bürgermeisterin Elisabeth Ziemer (Grüne) zu einem Gespräch über "Zweite Heimat" in das Rathaus Schöneberg folgte, lacht nicht immer. "Sie werden verstehen, dass dieser Bericht nicht frei von Emotionen sein kann", sind seine ersten Worte. Die Erinnerung an etwas, das einmal Zuhause war, fällt schwer.

Als er dann aber losplaudert, blühen vor dem inneren Auge des Zuhörers Bilder auf: Er sieht Ernst Reuter, der mit Knickerbockern auf dem Fahrrad an die Universität fuhr. Er erinnert sich an die Ära Atatürks, der mit aller Kraft versuchte, die Türkei gen Westen auszurichten. "Das wird ja heute oft vergessen", erzählt Reuter, "aber schon damals war die Türkei ein Land, das europäisch sein wollte." Ins Schwärmen gerät er, wenn er an die Gastfreundschaft zurückdenkt. "Dort habe ich gelernt, was Toleranz, Offenheit und Neugier auf andere Kulturen bedeuten."

Er hat aber auch gelernt, was es bedeutet, in der Fremde aufzuwachsen: Die Aufenthaltsgenehmigung musste jedes Jahr verlängert werden - "immer fragten wir uns, wohin, wenn wir nicht bleiben können". Die Familie, aus politischen Gründen geflohen, musste unterschreiben, in der Türkei nicht politisch aktiv zu werden. Reuters Mutter lernte während der elf Jahre kaum Türkisch, weil sie "in einem fremden Land einen Haushalt führen musste". Dafür, erzählt der spätere Top-Manager, habe er "an der Hand meiner Mutter auf dem Markt gelernt zu handeln." Dennoch ist es ein überwiegend unbeschwertes Leben, das Edzard Reuter schildert. Als Wissenschaftler wurde sein Vater mit offenen Armen empfangen. Vielleicht ist von Ressentiments nicht die Rede, weil es sich um eine privilegierte Familie handelte. Vielleicht, mutmaßt Reuter, war das aber nicht der einzige Grund. "Verglichen mit der Einstellung der Türken gegenüber Fremden müssen wir rot werden vor Scham."

Ablehnung gegenüber Einwanderern, wie er sie in Deutschland beobachtet, hält er nicht nur aus humanitären Gründen für unhaltbar: "Es wäre eine Schande, wenn das, was bei jungen Türken an Fähigkeiten und Einsatzbereitschaft vorhanden ist, verloren ginge." Erst Ende 1946 konnte die Familie Reuter nach Berlin zurückkehren und bezog eine verfallene Zwei-Zimmer-Wohnung in Tempelhof. Schon bald wurde der Sozialdemokrat Ernst Reuter als Oberbürgermeister gehandelt. Für manche war aber auch das zu viel. Wenn er sich erinnert, fängt sein Sohn noch heute an zu lachen: "Wird ein Türke Oberbürgermeister?", titelte damals eine Zeitung.

Edzard machte Abitur, traurig über den Abschied von der zweiten Heimat, aber voller Energie, sich am Wiederaufbau der völlig zerstörten Stadt zu beteiligen. Entsetzt habe ihn nur, dass die anderen seines Alters völlig ohne politisches Interesse gewesen seien. "Es war schwer für mich, mit ihnen warm zu werden."

Anders als Edzard sprach Ernst Reuter in der Öffentlichkeit so gut wie nie über sein Leben in der Türkei. Der Sohn jedoch hat seinen Vater anders erlebt: "Wenn er abends nach Hause kam, trank er ein Glas Rotwein, rauchte eine Zigarre und schickte ein Stoßgebet gen Himmel: Dass er die Schönheit des Landes und der Leute in der Türkei noch einmal erleben werde."

Er erlebte sie nicht. Sein Sohn jedoch fühlt sich bis heute mit der Türkei verbunden. Auf Nachfrage eines jungen Türken brachte er im Schöneberger Rathaus sogar noch einen türkischen Satz heraus und entschuldigte sich: "Wenn ich drei Tage da bin, hört sich das besser an." Darauf der Zuhörer, lachend: "Das geht mir genauso."

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