Berlin : Die Ernte der WM

Berlins Tourismus-Branche boomt. Es wird eng: 2010 werden 20 Millionen Übernachtungen erwartet

Bernd Matthies

Reisende, die sich auf einen Berlin-Besuch im Jahr 2010 einrichten, werden ein wenig zusammenrücken müssen. Es wird eng in der Stadt, jedenfalls, wenn die Branche ihr höchst ehrgeiziges Ziel erreicht: 20 Millionen Übernachtungen sollen dann zusammenkommen. Diese Zahl galt, als sie 2005 erstmals verkündet wurde, als extrem optimistisch, wenn nicht sogar total verrückt. Seit dem Welterfolg der Fußball-Weltmeisterschaft hat sich in Berlin aber durchaus der Eindruck festgesetzt, dass das zu schaffen sei.

Die Prognose für 2006 war auch nicht ohne: 16 Millionen Übernachtungen wollte man erreichen. Das hat nicht ganz geklappt, 15,9 Millionen waren es am Ende – und genächtigt hatten 7,1 Millionen Hotelgäste, die mithin die üblichen 2,3 Tage in der Stadt blieben. Die Fußball-WM spielte dabei keine sehr große Rolle; sie hat der Stadt zahlenmäßig eher Einbußen beschert, weil die im Juni besonders wichtigen Kongresstouristen fast völlig ausblieben. Doch nach dem Finale am 9. Juli lief es umso besser.

Was diese Zahlen für die Stadt bedeuten, zeigt ein einfacher Vergleich mit 1997. Da brachten es 3,45 Millionen Gäste auf knapp acht Millionen Übernachtungen, glatt die Hälfte der Rekordzahl von 2006. 2007 soll nun den nächsten, greifbaren Schritt bringen, 17 Millionen Übernachtungen. „2007 wird die Ernte der WM eingefahren“, sagt Hanns-Peter Nerger, Chef der Berlin-Tourismus-Marketing BTM. Er verweist auf einen gewaltigen Berg positiver Presseberichte, die das Image Berlins vor allem im Ausland unbezahlbar verbessert hätten. England, die USA, Mittel- und Südamerika versprechen das größte Potenzial. Aber auch die deutschen Gäste lassen sich nicht länger bitten: Die größte Zugnummer Berlins im vergangenen Jahr war die Freigabe der Ladenöffnungszeiten, die im sonst eher ruhigen Dezember 15 Prozent mehr Besucher in die Stadt brachte als im Dezember 2005. Aktionen wie der „Winterzauber“ tun ein Übriges, seltsamerweise auch dann, wenn rein meteorologisch von Winterzauber keine Rede sein kann.

Negative Faktoren sind für 2007 nicht erkennbar. Die ersten beiden Monate liefen bereits sehr gut, und die Hoteliers blicken mit leuchtenden Augen vor allem auf den 1. Juni, wenn in der Neuen Nationalgalerie die Ausstellung mit 150 Werken aus dem Bestand des New Yorker Metropolitan-Museums eröffnet wird. Falls alles glatt läuft, hofft man, damit einen Publikumsmagneten vom Kaliber der legendären MoMA-Ausstellung 2005 an Land gezogen zu haben.

Im Lichte dieser durchweg positiven Entwicklung haben auch die Klagen über den vermeintlich überdimensionierten Hotelbettenberg an Lautstärke verloren. Es scheint möglich, nicht nur die Auslastung, sondern auch den Zimmerpreis allmählich auf international übliches Niveau zu liften. 2001 sah das noch ganz anders aus: Da stieg die Zahl der Hotelbetten in Berlin gerade auf 63 000, exakt so viele gibt es in New York. Angesichts der 19 Millionen Übernachtungen in der US-Metropole schien das aus Berliner Sicht wirtschaftlich schon mehr als bedenklich. Jetzt, Anfang 2007, hat die Stadt Berlin 87 800 Betten.

Der Boom hat die Einschätzung verändert. Das zeigte sich spätestens, als nicht mehr nur internationale Hotelkonzerne nach einem Standbein in Berlin suchten, sondern auch die sprichwörtlichen „Heuschrecken“, kapitalstarke US-Fonds, nach Objekten fahndeten – und im „Grand Hotel Esplanade“ ein erstes fanden.

Auch der Markt unterhalb der Luxuskategorie bewegt sich. Das wurde im März deutlich, als das „Ellington“ in der Nürnberger Straße den Betrieb aufnahm. Das denkmalgeschützte Gebäude hatte lange Jahre leergestanden, nachdem ein erster Plan, dort ein weiteres Fünf-Sterne-Haus zu gründen, gescheitert war.

Die Zeit magerer Auslastungen, die in den besonders schlechten Zeiten des neuen Jahrtausends zum Teil unter 50 Prozent gelegen hatten, ist also vorbei, und auch die Preise steigen, wenn auch durchaus nicht so steil, wie es die Hoteliers gern hätten. Zwar nicken alle, wenn Verbandspräsident Willy Weiland, General Manager des „Intercontinental“, mahnt, den Preiskampf einzustellen. Doch wenn es zum Schwur kommt, gehen viele Direktoren doch lieber auf Schleuderpreise ein, als die Kunden womöglich an die Konkurrenz zu verlieren. Im Vorfeld der WM im vergangenen Jahr beispielsweise konnten Kopenhagener in einem renommierten Berliner Fünf-Sterne-Haus Betten für nicht einmal 70 Euro buchen.

Das aber, so hofft die Branche, ist Vergangenheit. Für den kommenden Frühsommer und den erhofften Metropolitan-Boom sind Preise internationalen Zuschnitts aufgerufen: Selbst eher unscheinbare Drei-Sterne-Häuser verlangen dreistellige Beträge für ein Doppelzimmer, und die Luxushäuser pirschen sich an die 300-Euro-Grenze heran, überschreiten sie in einigen Fällen schon. Das ist noch nicht Paris, Rom oder London, aber auch nicht mehr weit davon entfernt.

Doch es bleibt eine Gratwanderung, das haben die aktuellen Debatten anlässlich der Tourismus-Börse gezeigt. Ohne die Billigflieger und den von ihnen erzeugten Reisesog könnte der Boom dann auch rasch wieder vorbei sein.

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