Berlin : Die ersten Flüchtlinge sind schon in Marienfelde

Das einstige Aufnahmelager ist wieder geöffnet. Bis zu 250 Menschen sollen dort untergebracht werden

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Neu in Marienfelde. Die Afghanin Razija Ghassimi und ihre Kinder. Foto: H. Mühle/IB
Neu in Marienfelde. Die Afghanin Razija Ghassimi und ihre Kinder. Foto: H. Mühle/IB

Die Betten sind schon mit blauen Laken bezogen. Darüber liegen die gefalteten Decken. Auf dem Tisch stehen Geschirr und Besteck. Die Möbel sind nicht mehr ganz neu; aber die Räume sind sauber, warm, bezugsfertig. Nur wenige Tage hatten die Mitarbeiter des Internationalen Bundes (IB) Zeit, um die ersten Wohnungen im früheren zentralen Aufnahmelager in Marienfelde herzurichten. Seit Monatsanfang werden dort Asylbewerber untergebracht. Im Eingangsbereich wurde ein provisorisches Büro eingerichtet, in dem sich die Neuankömmlinge anmelden können.

Eigentlich war der symbolträchtige Komplex an der Marienfelder Allee, der seit den fünfziger Jahren zehntausenden ostdeutschen Flüchtlingen und danach den Spätaussiedlern als erste Station im Westen diente, im Sommer geschlossen worden. Der Bund wollte die Immobilie verkaufen. Nur am Eingang sollte die Erinnerungsstätte mit einer Ausstellung auf die bewegte Geschichte des Lagers verweisen. Aber angesichts der drastisch steigenden Flüchtlingszahlen beschlossen Senat und das Landesamt für Gesundheit und Soziales Ende November, Marienfelde sofort wieder in Betrieb zu nehmen. Dass die Flüchtlinge so schnell kommen würden, überraschte das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg. Bezirksbürgermeister Ekkehard Band (SPD) war verärgert über die Informationspolitik des Senats, da der Bezirk bei der Planung nicht eingebunden war. Auf einer Bürgerversammlung sollen am Mittwochabend die Anwohner in Marienfelde informiert werden. Diese hatten in der Vergangenheit lange für die Schließung des Aufnahmelagers gekämpft.

Bis zum gestrigen Montag sind an der Marienfelder Allee bereits 24 Asylbewerber angekommen; die ersten drei Monate in der Zentralen Aufnahmestelle in der Spandauer Motardstraße haben sie hinter sich. Die Flüchtlinge stammen aus Serbien, Vietnam, Somalia und Afghanistan. Von dort kommt auch die 30-jährige Razija Ghassimi, die gemeinsam mit ihren drei kleinen Kindern und ihrem Mann jetzt eine Drei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock bezogen hat. Zunächst sollen bis zu 60 Flüchtlinge dort untergebracht werden können. Die Zahl kann im kommenden Jahr auf 250 steigen.

Laut Uta Sternal, die für den IB den Wohnkomplex leitet, können die Flüchtlinge dort alle in Wohnungen mit eigener Küche und Bad leben. Im Außenbereich stehen Spielplatz, Tischtennisplatten und ein Basketballplatz zur Verfügung. Besonders wichtig ist Sternal die Betreuung durch Sozialarbeiter, damit den Bewohnern bei der Integration geholfen wird. „Wir bereiten die Menschen auf ein selbstständiges Leben vor“, sagt Sternal. Sie hat damit Erfahrung. Die 45-Jährige leitet zudem unweit des Notaufnahmelagers im Trachenbergring ein Heim für Asylbewerber, Spätaussiedler und wohnungslose Männer. Dort leben derzeit knapp 300 Menschen, 190 von ihnen sind Flüchtlinge und Aussiedler. Die Einrichtung existiert dort schon seit 46 Jahren. Mit den Anwohnern habe es in all den Jahren keine Probleme gegeben. Anders als an der Marienfelder Allee müssen sich die Menschen hier aber Küche und Bad teilen.

Seit Monaten sind bundesweit die Flüchtlingszahlen stark gestiegen. In Berlin rechnet man bis zum Jahresende mit rund 2000 Asylbewerbern. Vor allem aus Serbien und Mazedonien kommen die Menschen. Ein Grund dafür könnte sein, dass in den beiden Ländern die Volksgruppe der Roma vermehrt Repressalien der Bevölkerung und staatlicher Stellen ausgesetzt ist. Sigrid Kneist

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