Berlin : Die ersten Lehrer legen die Arbeit nieder

Bildungsgewerkschaft fordert Tarifvertrag für angestellte Pädagogen. Immer mehr junge Kollegen wandern in andere Bundesländer ab

Susanne Vieth-Entus

Berlins 5000 angestellte Lehrer verlieren die Geduld: Nachdem sie im Bundesvergleich jahrelang am wenigsten verdient haben, fordern sie eine bessere Besoldung und einen Tarifvertrag. Dafür wollen sie jetzt streiken. Den Anfang macht am Dienstag eine Berufsschule. Ob der Warnstreik ausgeweitet wird, will die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) heute entscheiden.

Die angestellten Lehrer verdienen in Berlin sechs bis zehn Prozent weniger als ihre angestellten Kollegen anderer Bundesländer und rund 20 Prozent weniger als Beamte. Bisher fehlten seitens des Senats Signale, dass diese Schlechterstellung beendet wird. „Die Kollegen fühlen sich vom Innensenator nicht ernst genommen“, begründet die GEW-Vorsitzende Rose-Marie Seggelke die Entschlossenheit zum Streik: Nachdem die GEW am 24.Mai mit Warnstreiks gedroht hatte, ließ Innensenator Ehrhart Körting (SPD) durch seine Sprecherin zwar über die Presse Gesprächsbereitschaft signalisieren; ein konkreter Terminvorschlag blieb aber aus – bis Freitag. Da habe Körtings Büro zwei Termine genannt. „Zu spät“, findet Seggelke, „denn die Kollegen scharren mit den Füßen“. Der Name der am Dienstag bestreikten Schule wird heute bekannt gegeben. Dort werden etwa 30 Kollegen von 7 bis 10 Uhr demonstrieren statt unterrichten.

Die angestellten Lehrer, knapp die Hälfte von ihnen GEW-Mitglieder, müssen seit 2002 ohne Gehaltserhöhung auskommen. Zudem gibt es kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld für die Kollegen, die seit 2003 angefangen haben. „Die Lehrer sind verbittert“, sagt Pit Rulff vom Verband Berufsbildender Schulen. Spätestens wenn junge Lehrer Familien gründeten, erwögen sie den Wegzug in Länder, in denen sie 500 Euro mehr verdienten.

Die Abwanderung hunderter Junglehrer schade dem Bildungsstandort Berlin nachhaltig, warnen Schulexperten seit langem. Es sei „grotesk“, dass der Senat an den Universitäten für den Lehrerberuf werbe, gleichzeitig aber Lehrer vergraule, indem er sie schlecht bezahle oder gar nicht einstelle, kritisiert Rulff: Aktuell dürfen die 190 öffentlichen Berufsschulen nur fünf neue Kräfte anheuern – während gleichzeitig über 60 Junglehrer auf die Straße gesetzt werden. Freie Stellen müssen mit Überhang-Lehrkräften anderer Schulen besetzt werden, die zum Teil völlig andere Spezialisierungen haben. Die Junglehrer bekämen in anderen Ländern übrigens nicht nur eine Stelle und mehr Geld, sondern würden dort auch zuvorkommend behandelt, berichtet Rulff. In Berlin hingegen gelinge es mitunter nicht einmal, eine Telefonverbindung zur zentralen Bewerberstelle herzustellen.

Hintergrund der ausbleibenden Neueinstellungen ist der Schülerrückgang. Weiterhin werden Schulen geschlossen. Die dort Beschäftigten müssen untergebracht werden – egal, ob ihre Fächerkombination den Bedürfnissen der unterversorgten Schulen entspricht. So lange aber rechnerisch genug Lehrer vorhanden sind, dürfen nur in Ausnahmefällen neue Kräfte eingestellt werden. Deshalb hat der Senat kein Interesse, abwandernde Lehrer zu halten. Dass Innensenator Körting jetzt trotzdem Tarifgespräche angeboten hat, liegt denn auch nicht am Lehrermangel, sondern am drohenden Streik und daran, dass der Koalitionspartner Linkspartei/PDS den Abschluss eines Tarifvertrages für Lehrer in die Koalitionsvereinbarung hineingeschrieben hat.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar