Die Europameister in Berlin : "Portugiesen brauchen das Meer"

Auf der Fanmeile waren die portugiesischen Fans in der Minderheit. Auch am Tag nach dem Finale war es schwierig, welche zu finden.

Yasmin Polat
Portugiesische Fans auf der Fanmeile.
Portugiesische Fans auf der Fanmeile.Foto: dpa

Vereinzelt sieht man sie noch, die Ketten aus kleinen Flaggen, die am Rolladen des Spätkaufs oder der Markise des Restaurants wehen. Im Kreuzberger Gräfekiez hängt so eine Kette am Café „Hanedan“ – inklusive US- und portugiesischer Flagge. Ein sturer Autofahrer schützt seinen Außenspiegel nach wie vor mit der übergezogenen Deutschlandflagge.

Und Portugal? Schließlich seit Sonntag, kurz vor Mitternacht Europameister, ist nicht viel zu sehen in der Stadt. Keine rot-grüne Flagge ist weit und breit zu erkennen, auch nicht im portugiesischen Café „Melro“, in der Gräfestraße 10. Hier ist Mittagsbetrieb, Thresenkraft Nora Schröder hat gut zu tun, zwei Drittel der Plätze sind besetzt. Ein Mann sitzt im Safari-Outfit am Macbook, eine Gruppe junger Männer bespricht bei portugiesischen Fischspezialitäten ihr neues Startup. Man hört die Wortfetzen „Macha, Wasabi und Chai-Latte“ – von „Fußball“ oder „Ronaldo“ ist hier nichts zu hören.

An der Spitze, endlich: Rot-Grün

An Kellnerin Nora Schröder – selbst Berlinerin mit portugiesischem Vater – ist der EM-Trubel vorbeigegangen: „Wir haben nicht mal einen Fernseher“, sagt sie lächelnd. Chefin Anna Habaum stammt aus Nordrhein-Westfalen, hat das Café vor dreieinhalb Jahren eröffnet: „Aufgrund einer hohen Affinität zu Portugal“, sagt ihre 31-jährige Mitarbeiterin. Viel dezidiert portugiesisches Leben gebe es in Berlin nicht, meint Schröder: „Die Portugiesen sind Seefahrer, die brauchen das Meer.“ In Hamburg gebe es deshalb ein großes portugiesisches Viertel. „Langsam kommen aber immer mehr nach Berlin“, sagt sie. Mit ihrem Vater in Portugal hat sie noch nicht gesprochen, aber „der hat sich sicher gefreut“, sagt sie.

Portugal, ganz oben. In diesem Haus an der Schönhauser Allee, Ecke Fehrbelliner Straße wurden die Fahnen nach Abschneiden sortiert.
Portugal, ganz oben. In diesem Haus an der Schönhauser Allee, Ecke Fehrbelliner Straße wurden die Fahnen nach Abschneiden...Foto: Yasmin Polat

Ein paar Kilometer weiter, in der „Pasteria A Galao“ am Weinbergsweg in Prenzlauer Berg weiß der Mitarbeiter weder etwas von EM, noch von portugiesischen Geschäften in der Umgebung. Obwohl er selbst in einem steht. Das ehemals portugiesische Café „Lata“ in der Schönhauser Allee ist mittlerweile geschlossen. Gegenüber jedoch, an den Außenfenstern der Schönhauser Allee 180 hängen sie: Alle 24 Fahnen der EM, von unten bis ganz oben, symbolisieren sie die verschiedenen Stufen der Europameisterschaft von den Qualifikationen bis zum Sieg. An der Spitze, endlich: Rot-Grün!

Die Flaggen gehören zum Reise-Startup „GoEuro“, die hinter den beflaggten Fenstern Reisepreise europaweit vergleichen. Das Team ist ähnlich international, gesprochen wird englisch. „Ich war schon etwas traurig heute Morgen, ich war sicher, die französische Flagge ganz oben zu sehen“, sagt die französische Mitarbeiterin Cécile Lasota. „Da haben wir aber heute morgen die portugiesische Flagge aufgehängt“, sagt PR-Manager Ciro Fakhr und lächelt Lasota an. „Wir haben hier drei Portugiesen, die bei uns arbeiten“, sagt er. „Die haben sich sehr gefreut.“ Wo die allerdings gerade sind, weiß er nicht.

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