Berlin : Die ewige Stadt

Verwunschen und riesig: Der Waldfriedhof Stahnsdorf war einst der Gottesacker der Berliner Prominenz. Sogar ein „Leichen-Express“ fuhr dorthin, doch nach dem Mauerbau versank alles in Dornröschenschlaf.

Carl-Peter Steinmann

Als Erik Jan Hanussen im April 1933 begraben wurde, geschah das in aller Heimlichkeit. Wenige Tage zuvor hatte ein Förster die mit einem Frack bekleidete Leiche entdeckt. Hanussen lag erschossen in einem Kiefernwald, unweit der Straße von Zossen nach Baruth.

In den frühen 30er Jahren gehörte der als Hermann Steinschneider geborene Hellseher zu den schillernden Persönlichkeiten Berlins. Viele ranghohe Nazis, denen er seine jüdische Herkunft verschwieg, zählten zu seinen Freunden. Als er dann aber auf der Bühne seines „Okkultistischen Tempels“ in der Lietzenburger Straße in Charlottenburg den Reichstagsbrand vorhersagte und dabei vermutlich Wissen der Freunde ausplauderte, nahm man ihm das übel. Die Polizei zeigte wenig Interesse an dem Fall, Täter wurden nie ermittelt – dass es NS-Schärgen waren, ist aber ein offenes Geheimnis.

Erik Jan Hanussen wurde auf dem Stahnsdorfer Waldfriedhof begraben, bis zur Teilung der Stadt einer der wichtigsten Friedhöfe Berlins und zweifellos der malerischste. Wie viele andere nichtevangelische Verstorbene fand er seine letzte Ruhe im „Block Charlottenburg“ – zu doppelten Gebühren. Und bis heute legen Verehrer Rosen auf sein Grab.

Heute ruhen auf dem Südwestfriedhof Stahnsdorf mehr als 100 000 Tote: Melancholie auf 206 Hektar, eine riesige Anlage, in der man sich verlaufen kann. Dieser zweitgrößte Waldfriedhof Deutschlands zeugt vom Aufschwung, den Berlin Ende des 19. Jahrhunderts nahm. Nicht nur die Lebenden, auch die Toten brauchten mehr Platz, weshalb die evangelische Stadtsynode beschloss, neue Friedhöfe vor den Toren Berlins anzulegen.

So begann 1906 der Gartenbauingenieur Louis Meyer mit der Friedhofsgestaltung. Dabei schuf er etwas recht Neues – ein asymmetrisches Wegenetz mit überraschenden Sichtachsen und vielen Freiflächen: mehr verwunschener Park als Friedhof. Rund 200 000 angepflanzte Bäume und Sträucherverwandelten die sandige Landschaft in einen Waldfriedhof, weshalb bis heute nicht nur Angehörige und geschichtlich interessierte Besucher nach Stahnsdorf pilgern, sondern auch Naturschützer. Schwarzspechte und Käuzchen beobachten sie dort oder seltene Pflanzenarten.

Die erste Beerdigung erfolgte im März 1909. Vier Jahre später war der Begräbnisplatz an das Bahnnetz angeschlossen und bequem von Wannsee aus erreichbar. „Leichenexpress“ nannten die Berliner die Züge, denn täglich fuhren auch Waggons mit Särgen nach Stahnsdorf, in denen schon Tote lagen.

Viel Prominenz ließ sich auf dem Friedhof begraben. Der Weg, vorbei an hunderten Ruhestätten, erinnert an einen Blick ins Buch der Stadt und ist zugleich eine Lektion in Stilkunde. So umschließt ein stattliches Mauerrechteck samt schmiedeeisernem Tor die Gräber der Familie Siemens. Und die Kaufmannsfamilie Wissinger liegt unter den schmalen Spitzbögen eines von Max Taut geschaffenen expressionistischen Denkmals. Auf der Liste der berühmten Toten in Stahnsdorf steht auch der impressionistische Maler Lovis Corinth, er ruht unter einem mächtigen Findling. Nach Max Liebermanns Rücktritt war Corinth seit 1911 Präsident der Berliner Secession. Weitere bekannte Namen auf dem Gottesacker der Prominenz sind der Komponist Engelbert Humperdinck, Schöpfer der Hänsel und Gretel-Oper; Weltbühne-Gründer Siegfried Jacobsohn, Verleger Louis-Ferdinand Ullstein, Flugpionier Edmund Rumpler oder Ganovenschreck Ernst Gennat: Wegen seiner vielen Erfolge, seiner Leibesfülle und Sucht nach Sahnetorten war der Kriminalist im Berlin der 20er Jahre höchst populär.

Das Schicksal der im 99. Lebensjahr verstorbenen Elisabeth Baronin von Ardenne, Großmutter des Wissenschaftlers Manfred von Ardenne, regte Theodor Fontane zum Roman Effie Briest an. Kein Fontane-Verehrer lässt ihre Ruhestätte aus. 1886 duellierte sich ihr Ehemann mit dem Liebhaber, der Nebenbuhler wurde verletzt. Doch im Gegensatz zu Effie Briest behauptete sie sich als geschiedene Frau, der man den Kontakt zu ihren Kindern verweigerte, noch lange im Leben – sie arbeitete als Oberin in einer Zehlendorfer Heilanstalt, galt als unternehmungslustig und lernte noch mit 60 Jahren Skilaufen und Radfahren.

Das bekannteste Grab aber ist das von Heinrich Zille. Als man ihn 1929 in Stahnsdorf beerdigte, folgten 2000 Verehrer dem Sarg. Gibt es sonst keine Hinweis zu Gräbern, hat man bei ihm eine Ausnahme gemacht. So weisen heute ein Schild und ein Stein knapp den Weg „zu Zille".

Nach Ende des Ersten Weltkrieges richteten Briten und Italiener Ehrenfriedhöfe für ihre in deutscher Kriegsgefangenschaft verstorbenen Soldaten ein. Insgesamt 1172 Briten und 1650 Italiener ruhen hier in märkischer Erde.

Mittelpunkt des Friedhofs ist die 1911 eingeweihte Kapelle im Stil einer Stabkirche. Vorbild war die von König Friedrich Wilhelm IV. in Norwegen erworbene Holzkirche Wang, die er im Riesengebirge wiederaufbauen ließ.

Aufmerksame Besucher sind erstaunt, wenn sie Wandgräber und Mausoleen entdecken, bei denen die Sterbedaten älter sind als der Stahnsdorfer Begräbnisplatz. Sie stammen vom Schöneberger St. Matthäus Kirchhof und waren den Plänen Albert Speers zur „Neugestaltung der Reichshauptstadt“ im Dritten Reich im Wege. Fast 50 000 Gräber wurden damals aus Schöneberg überführt, darunter auch das Mausoleum des Sprachlehrers Gustav Langenscheidt und das Grab von Francois Haby, des Hoffriseurs Kaiser Wilhelms II. Er erfand eine Bartcreme, die den beliebten Zwirbelbärten Stabilität gab. Unter dem Markennamen „Es ist erreicht“ brachte er sie an die Bartträger.

Als 1961 die Mauer gebaut wurde, waren die Westberliner Gemeinden von ihrem Friedhof getrennt. Der fiel in einen Dornröschenschlaf. Besucher aus dem Westen kamen selten vorbei, es war zu umständlich – und 1976 ließ die DDR auch die Bahnanlagen abreißen.

Der Friedhofseingang befindet sich nach wie vor in der Bahnhofstraße, obwohl es keinen Bahnhof mehr gibt. Erhalten blieb nur die Bahnhofsgaststätte, in der heute Pasta serviert wird – und Touristen Grußpostkarten schreiben, dekoriert mit Grabinschriften: „Der Sonne Gold umschwebt deinen Hügel / und wie von Geisterhand auf lichtem Flügel / kommt mir der Trost, du schläfst ja nur.“

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