Berlin : Die Farbe der Feigheit ist Grau

Jürgen Schreiber las im Tagesspiegel-Salon aus seinem Buch über den Maler Gerhard Richter

Daniela Martens

Geistesabwesend scheint Gerhard Richter aus dem Fenster des Löwenpalais zu blicken. Vorbei an den vielen Menschen im ausverkauften Saal der prunkvollen Grunewaldvilla. Dabei ist der berühmte Maler an diesem Winterabend gar nicht persönlich anwesend. Stattdessen wird das Porträt des 73-Jährigen mit dem grauen Bart überlebensgroß auf eine Leinwand projiziert. Auf der Bühne darunter geht es um das dunkle Geheimnis seiner Familiengeschichte. Tagesspiegel-Chefreporter Jürgen Schreiber hat es aufgedeckt und eine literarische Reportage darüber veröffentlicht.

„Tante Marianne war ein schönes Kind“, so harmlos beginnt die Geschichte, die für das schöne Kind ein schreckliches Ende nehmen wird. Mit weicher Stimme und schwäbischem Akzent liest Schreiber aus seinem Tatsachenroman „Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie“ (Pendo Verlag, 303 Seiten, 22,90 Euro). Um die Tante geht es vor allem und um den Schwiegervater Heinrich Eufinger. Schreiber hat herausgefunden, dass die Lebensgeschichten der beiden auf grausame Weise miteinander und mit dem Nationalsozialismus verknüpft sind: Die eine wurde als Schizophrene von den Nazis zwangssterilisiert und ermordet. Der andere war als SS-Arzt mitverantwortlich für derartige Gräueltaten. Der Maler hat sie beide viel später in seinen berühmten grau-verwischten Bildern festgehalten – in familiären Momenten des Glücks, gemalt nach alten Fotos.

„Richter hat sich damit etwas von der Seele gemalt“, sagt Schreiber. Und doch habe der Maler anscheinend nichts gewusst von diesen Abgründen der Familiengeschichte – bis Schreibers Recherchen ihn darauf stießen. Die Tante hatte Richter nur schemenhaft in Erinnerung. Den Schwiegervater lernte er erst in den Fünfzigern kennen. Lange ließ sich der anfangs eher erfolglose Maler finanziell vom gutverdienenden Schwiegervater unterstützen. Der hatte nach dem Ende des NS-Regimes schnell wieder Fuß gefasst als angesehener Arzt.

Die zarte 14-jährige Tante Marianne mit Gerhard Richter im Kleinkindalter auf dem Schoß. Der lächelnde Schwiegervater Eufinger mit Frau und Töchtern am Strand: Jetzt werden diese Bilder auf die Leinwand projiziert. „Können Sie sich vorstellen, dass jemand, der diese Menschen so gemalt hat, nicht wissen wollte, was aus ihnen geworden ist?“, fragt Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff, der den Abend moderiert, das Publikum. Er sehe die Bilder jetzt mit anderen Augen. „Seit ich weiß, welche Tragödie dahinter steckt, denke ich zuerst an die Schicksale, wenn ich Richters Bilder betrachte“, bestätigt Zuhörerin Carolin Krauße. Hat der Maler also doch etwas gewusst? „Vielleicht fehlten ihm einfach die Worte, wie so vielen in diesem Land“, sagt Schreiber. Mit der Reportage habe er dem Künstler keinen Vorwurf machen wollen. Eins aber nehme er ihm übel – noch nach Erscheinen des Buches hat er seinen Schwiegervater öffentlich verteidigt. „Richters Lieblingsfarbe Grau ist die Farbe der Feigheit“, sagt Schreiber.

Der Maler blickt inzwischen wieder ausdruckslos von seinem Platz auf der Leinwand aus dem Fenster. „Meine Bilder sind klüger als ich“, hat er einmal gesagt.

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