Berlin : Die Farbe des Himmels

Für sein Projekt „Phönix – Brückenschlag“ hat der Allgäuer Künstler die Überreste abgeschossener Kampfflugzeuge geborgen Seine daraus geschaffenen Bilder, in denen er ein „Element der Versöhnung“ sieht, sind jetzt auf dem Flughafen Tempelhof zu sehen

Josef-Otto Freudenreich

Die Kinokarte trug der Soldat noch bei sich, sorgsam verwahrt im Brustbeutel, als er in seine Messerschmitt stieg. Kurz vor seinem Tod war Hans Dieter Kaiser, 22 Jahre jung, mit seiner Liebsten im Lichtspieltheater gewesen. Am 17. Dezember 1944 musste er vom Horst Jüterbog in die Luft, seine Bf 109 G in Richtung Oberschlesien drehen und gegen eine Armada von amerikanischen Bombern kämpfen. Es war die Endzeit von Görings Luftkrieg. Kaiser hatte keine Chance. Er wurde abgeschossen, die Messerschmitt riss ihn mit, vier Meter tief in den Boden. Mehr als 60 Jahre lebt die Erinnerung an ihn wieder auf – in den Bildern des Allgäuer Künstlers Manfred E. Scharpf.

Der Maler hat den Piloten ausgegraben, genauer gesagt das, was übrig geblieben ist: die Gebeine, den Brustbeutel, Reste seiner Uniform, die Erkennungsmarke mit der Nummer 59741 und die Maschine. Vieles ist gut erhalten. Durch den gewaltigen Druck, mit dem sich die Messerschmitt in die Erde bohrte, schloss sich über ihr der Boden, als sei es Beton, das ausgelaufene Öl und Benzin verlangsamten die Verwesung. Selbst Haare hat Scharpf noch gefunden. Wer genau hinschaut, kann sie in seinen Bildern entdecken. Auf dem Flughafen Tempelhof, in der Ausstellung „Phönix – Brückenschlag“ sind sie derzeit zu sehen. Heute, am 61. Jahrestag des Kriegsendes, ist der Künstler selbst nach Berlin gekommen und führt Interessierte durch seine Ausstellung.

Die Erde vom Absturzort Kaisers im heutigen Tschechien hat Scharpf nach Schloss Zeil gebracht, wo er im ehemaligen Schulhaus des dortigen Fürsten arbeitet. Durchlaucht hat inzwischen seinen Frieden mit dem Provokateur gemacht. Scharpf hat den Lehm auf Jute aufgetragen, mit dem sündteuren Pigment Lapislazuli, der mittelalterlichen Farbe des Himmels, mit Zinnober, Ultramarin, Indigo veredelt und mit platt geklopften Wrackteilen beschlagen. So leuchten und schimmern die Gemälde um die Wette, als müssten sie Himmel und Erde zusammenhalten.

Das ist der Stoff des Projekts „Phönix – Brückenschlag“, in dem der Künstler „Ein Element der Versöhnung“ sieht. Der Flughafen Tempelhof kommt ihm da als Ausstellungsort gerade recht, sieht er doch in ihm, nicht zuletzt dank seiner Verbindung mit der Luftbrücke 1948/49, „eine einmalige Brücke der Humanität und Versöhnung“. Das Ziel von „Phönix“ sei, „von diesem Ort aus einen visionären Brückenschlag der Kunst in ein neues Europa zu vollziehen“. Erzählen will der 60-Jährige von der Bergung abgestürzter Piloten, die er als Symbol für Höhenflüge und Katastrophen sieht, aber auch für Brücken, die er zwischen ehemaligen Feinden bauen will. Der andere Pilot, der in den Bildern ruht, ist daher ein Amerikaner: Paul Mazal, 21 Jahre jung, abgestürzt am 19. März 1945 bei Dortmund.

Es war nicht einfach, dieses „Material“ zu sammeln. Scharpf spricht von einem „Politthriller“, der in Tschechien, nahe dem Dorf Polouvsi spielt. Nicht dass er auf eigene Faust gebuddelt hätte. Ganz ordentlich hat er mit dem lufthistorischen Institut in Vyskov und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zusammengearbeitet – und bald gemerkt, dass er in einem Minenfeld gelandet ist. Wer glaubt, die Überführung und Bestattung von geborgenen Toten sei ein unproblematischer Akt der Humanität, täuscht sich. Immer wieder, so berichtet Scharpf, verzögerten tschechische Behörden die Freigabe, mehr als ein halbes Jahr mussten er und der Volksbund warten, bis der junge Pilot Kaiser auf einem deutschen Soldatenfriedhof seine letzte Ruhe fand. Offenbar, so sieht es Scharpf, gibt es in Tschechien einen schwunghaften Handel mit ausgegrabenen Kriegstoten. Schädel mit Einschusslöchern, so will er herausgefunden haben, landen auf Sammlerbörsen, die Erkennungsmarken in Läden für Militärartikel, oder sie werden von illegalen Grabungstrupps benutzt, um den Hinterbliebenen hunderte von Euro abzupressen.

„Kunst kann Brücken schlagen. Brücken zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, zwischen Nationen, die sich über ihre Historie verständigen“ – so schrieb der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit in seinem Grußwort zur „Phönix“-Schau. Für den aus der eigenen Asche aufsteigenden Mythenvogel gebe es wohl kaum eine „passendere Location“ als Tempelhof, jenen Ort, der sowohl für Krieg und Barbarei als auch für die völkerversöhnende Luftbrücke stehe. Unterstützt wird die Ausstellung unter anderem von der Firma Airbus, über die auch Daimler mit im Boot ist. Scharpf stört das nicht. „Dann tun sie mal was Sinnvolles“, knurrt er, wohl wissend: In Kaisers Jagdflugzeug dröhnte damals ein 1500-PS-Motor von Daimler-Benz.

„Phönix - Brückenschlag. Ein Element der Versöhnung“, Flughafen Tempelhof, linke Galerie, bis 30. September. Der Künstler führt heute zwischen 10 und 18 Uhr durch seine Ausstellung.

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