Berlin : Die Farbe des Sandes

Nun mal langsam: Berlin mag die Hauptstadt des Trubels, der flüchtigen Attraktionen sein – auf den Stadtbildern von G. L. Gabriel hat diese Atemlosigkeit keinen Platz. Ihre Kunst ist nicht die des schnellen Pinsels, sondern entsteht in monatelanger Annäherung an das gewählte Motiv. Andreas Conrad hat sie in ihrem Atelier besucht

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MEIN BILD VON BERLIN (2): G. L. GABRIEL

Wer zu G. L. Gabriel will, muss am Erzengel vorbei. Mit weißen Schwingen, in den Händen einen Palmwedel, bewacht er ihren Schöneberger Hinterhof, Zeuge längst vergangener Zeiten, als vermögende Hausbesitzer ihre Neubauten noch gern mit Sakralem dekorierten. In seinem verwitterten blauen Kleid verleiht der Himmelsbote dem Ort durchaus Malerisches. Erstaunlich, dass G. L. Gabriel, die ihre Stadt wieder und wieder gemalt hat, gerade diesen verträumten Winkel aussparte.

In Berlin lebe die Seele „im Hinterhaus vier Treppen hoch“, hat der Schriftsteller Franz Hessel, ein Flaneur der Feder, einst geschrieben. Diesmal sind es nur zwei Doppeltreppen hoch im Gartenhaus, wo der Seele der Stadt, ihren Formen und Farben nachgespürt wird mit Pinsel, Spachtel, Zeichenstift. Das Treppenhaus lässt davon nichts ahnen, aber gleich hinter der Wohnungstür beginnt das Labyrinth der Kunst. Atelierwohnung, Wohnungsatelier? Je nach Zimmer mal das eine mehr, mal das andere. Schon im engen Schlauch des Flures lehnt Großformatiges dutzendweise an den Wänden. Auch im Bibliothekszimmer, wo in einer Ecke Farben angemischt und Pinsel gereinigt werden, sind die freien Wandflächen mit Gabriels bedeckt. Fast karg dagegen der lang gestreckte, durch eine Flügeltür geteilte Malraum, das eigentliche Atelier: die Staffelei mit dem aktuellen Bild, im Raum verteilt Entwürfe, frühere Fassungen sowie wenige andere Werke, für die sich sonst partout kein Platz mehr fand. Dazu Batterien von Pinseln, ein Transportwagen, den schon der Vater nutzte, eine Stereoanlage für die passende Klangkulisse beim Malen, Schostakowitsch zum Beispiel, schließlich ein mit Plastikhülle geschützter Designersessel samt bunt bekleckstem Beistelltisch sowie eine weiß bezogene Pausencouch. Die oben in brüchigen Stuckverzierungen auslaufenden Wände weiß, ebenso der Boden, dessen Parkett durch mehrere Lagen Pappe geschützt ist.

Inspiration in Grenada

Seit 1989 wohnt G. L. Gabriel hier. Gewissermaßen ist dies eine Rückkehr, vielleicht nicht als Künstlerin, doch als Tochter. Ihr Vater, der 1999 gestorbene Maler und Kunstprofessor Fred Thieler, hatte sein Atelier gleich nebenan, in der Kapelle der ehemaligen Maison de Santé, einer 1861 gegründeten, 1919 geschlossenen und heute fast vergessenen „Kur- und Irrenanstalt“ an der Hauptstraße. Natürlich hatte er seine Tochter ermuntert, ebenfalls den Weg der Farben zu gehen, wie er selbst und die Mutter, die Malerin Mienske Janssen. Und als sie mit 18 Jahren ihre Ausbildung an der Hochschule der Künste begann, war der Thieler-Schüler K. H. Hödicke ihr Lehrer. Aber im wärmenden Licht des väterlichen Erfolgs wollte sie nicht stehen, sich künstlerisch auch in der Signatur emanzipieren, und so gab sie sich schon während des Studiums den Namen G. L. Gabriel. Das war Abnabelung und Bekenntnis zur Familie zugleich: Gabriele Lina Henriette, so hieß sie ursprünglich und bastelte sich daraus den Namen, der Kennern längst als Markenzeichen ihrer Kunst gilt.

„Eine durch und durch urbane Malerin“, so hatte Heinz Ohff, langjähriger Feuilleton-Chef des Tagesspiegel, G. L. Gabriel schon vor Jahren gewürdigt. Etwas Großstädtisches, doch eher gedämpft als prahlerisch, ist ihrer Bilderwelt eigen, obwohl sie doch ihre künstlerische Initialzündung als 16-Jährige während eines viermonatigen Aufenthalts bei ihrem Großvater, Honorarkonsul auf Grenada, erfuhr und später Gelegenheiten zu Malausflügen in exotische Gegenden gern nutzte, seien es Santo Domingo, Argentinien und Brasilien, Japan, Syrien oder die chilenische Atacama-Wüste. Immer wieder ist sie, 1958 in München geboren, aber in Berlin aufgewachsen, hierher zurückgekehrt. Erst in die Enge der ummauerten Stadt, dann in die aufstrebende Metropole, deren Veränderungen sie mit ihren Bildern begleitet, ohne ihrer Hektik zu erliegen oder ihr gar nacheifern zu wollen. Mag auch die Hauptstadt der kurzlebigen Attraktionen ihr Arbeitsfeld sein und der Reichstag eine tagtäglich von Touristen umwimmelte Sehenswürdigkeit – in den Stadtbildern mit ihren meist menschenleeren Szenerien hat diese Atemlosigkeit keinen Platz.

Das hat offenbar Folgen für das Malen: Es sei „ein langsamer Prozess“, erzählt G. L. Gabriel, berichtet von Anfängen mit Fotos und Skizzen, Vorfassungen, die wieder vernichtet werden, Formaten, die sich ändern, Zweit-, Dritt-, Viertversionen, die sich über Monate auf der geduldigen Staffelei abwechseln. Auch das Bild, das dem Tagesspiegel als Reproduktion heute beiliegt, hat solch einen langwierigen Entstehungsprozess hinter sich. Im März hatte er begonnen, zunächst mit der Suche nach dem richtigen Standort, dem perfekten Blick. Unten auf der Wiese vor der Kongresshalle? Aber da sah das Kanzleramt langweilig aus, „wie ein Neubaukomplex“, gar nicht „wie ein Dampfer“, als der es ihr dann oben auf der Terrasse erschien. Dort wiederum störten die Bäume, das Tipi-Zelt – die hat sie einfach weggelassen, später ihren Blick noch einmal aus der Vogelperspektive, vom Carillon-Turm, kontrolliert.

Damit stand die Struktur des Bildes fest, aber was heißt das schon. Wer im Sommer hin und wieder bei ihr vorbeischaute, konnte den Weg des Motivs durch die zuletzt fünf Fassungen mitverfolgen, eine monatelange Wanderung durch eine sich in den Farben und Stimmungen immer wieder wandelnde Stadtlandschaft, mit den Formen von Reichstag, Kongresshalle, Fernsehturm und Kanzleramt als Konstanten. Zuletzt genügten nicht mal mehr Farbe und hölzerner Malgrund, wurden die immer wilder sich dahinwälzenden Wolken auf Papier ent- und verworfen, das Zusammenspiel von Pinsel, Farbe und Zufall immer neu erprobt, bis endlich eine der blauschwarzen Turbulenzen der Malerin gefiel und in das Bild geklebt wurde. Eine neue, überraschende Körperlichkeit hat es nun bekommen, eine Dramatik, gegenüber der die frühen Fassungen plötzlich nebelhaft, fast sanft wirken. Bei richtiger Beleuchtung beginnt die Kongresshalle sogar zu glitzern und zu strahlen. Zerriebener Sandstein von einer Nordseeinsel wurde in die Farbe gemischt, Kunst und Natur zu kostbarer Erdigkeit verschmolzen.

Mit Lüpertz aufs Volksfest

„Reine Farbtöne“, unvermischt und klar, eher pastellig als plakativ, darum geht es G.L. Gabriel immer in ihren Bildern. Aber an sich spricht sie nur ungern über Farbtheorie und solche abstrakten Dinge, zieht sich bescheiden auf ein „Kann man schlecht beschreiben“ zurück und holt lieber neue Bilder, neue Kataloge hervor, ein ins Riesenhafte vergrößertes Polaroidfoto, das sie mit ihrem Lehrer Hödicke, dem Maler Markus Lüpertz und anderen bei den Steglitzer Festwochen 1972 zeigt – oder ein Buch über ihren Vater Fred Thieler. Das Umschlagfoto entstand in seiner Atelierkapelle in der nahen Maison de Santé. Der Künstler sitzt würdevoll auf einem Lehnstuhl, blickt mit fast abweisender Strenge in die Kamera, umgeben von Bilderrahmen, Farbdosen und den anderen Insignien seiner Kunst. „Dieser Stuhl meines Vaters – das ist der hier.“ G. L. Gabriel zeigt auf ein schwarzes Sitzmöbel in einer Ecke ihres Ateliers. Erstaunlich, dass es zwei Malergenerationen weitgehend unbefleckt überstanden hat. Der Fußboden dagegen muss alle paar Jahre einen neuen Schutzbelag erhalten – immer dann, wenn der Fleckenteppich des Zufalls G. L. Gabriel zu irritieren beginnt, abzulenken von den eigenen Werken und dem langwierigen Prozess ihrer Entstehung. Kurz: Wenn es der Malerin zu bunt wird.

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