Berlin : Die Fassaden des Alten Fritz

Senatsbaudirektor Stimmanns Bilanz (3): Er wollte den Pariser Platz historisch – das hat manchen geärgert

Matthias Oloew

Der Alte Fritz sucht Schutz. Ein Regenschauer zwingt den Preußenkönig-Imitator, unter das Dach des Brandenburger Tors zu flüchten. Touristen nutzen die Gelegenheit für ein Gruppenfoto. Es sind viele in diesen Tagen, die den Pariser Platz besuchen. Sie schauen sich das Tor an, das während der WM durch den Fußball-Globus und die Großbildleinwand ein wenig verstellte Wahrzeichen der Stadt und Symbol der Deutschen Einheit. Und sie lassen sich vom Alten Fritz etwas über die Häuser am Platz erzählen. Dass sie allesamt neueren Datums sind, wundert eine Reisegruppe aus den USA: „Was, das ,Adlon’ ist gar nicht alt?“

Trotz dieser ernüchternden Erkenntnis sind die Touristen aus Minnesota begeistert von diesem „historischen Ort“ und einigermaßen überrascht, als sie hören, dass der Pariser Platz über Jahrzehnte Sperrgebiet war, während der Teilung weder für die Deutschen-West noch -Ost zu erreichen. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum der Pariser Platz bei der Rekonstruktion der Berliner Innenstadt nach der Wende eine Sonderstellung inne hatte. Hier ist das von Senatsbaudirektor Hans Stimmann verkündete Leitbild für seinen Masterplan für die Berliner Innenstadt par excellence umgesetzt worden: die kritische Rekonstruktion.

An keinem anderen Ort ist über Jahre hinweg so vehement über dieses Leitbild diskutiert worden. Krieg und Teilung hatten vom Pariser Platz nur das Brandenburger Tor und die Ruine der Akademie der Künste übrig gelassen. Nach dem Mauerfall war sich die Stadt aber nur in einem wirklich einig, dass der Platz in seiner historischen Gestalt wieder entstehen soll. An allen anderen Fragen schieden sich die Geister. Zum Beispiel darüber, wie die Häuser aussehen sollen, die am Pariser Platz wieder entstehen. Stimmann und die Bauverwaltung ließen Gutachten erstellen (unter anderem von Dieter Hoffmann-Axthelm und Bruno Flierl), die allesamt zu dem Schluss kamen, dass die neue Bebauung sich an den historischen Parzellen orientieren, die Gebäude etwa der Form und Größe ihrer Vorgänger entsprechen und die Fassaden im Wesentlichen aus Stein bestehen sollen.

Nicht allen Architekten, die hier Häuser entwerfen sollten, gefiel das. Sie empfanden die Stimmannschen Vorgaben als unzumutbares Korsett, führten sie doch zum Beispiel dazu, dass Spaziergänger auf dem Pariser Platz heute in das Gebäude der DZ Bank hineingehen müssen, um die unverwechselbare Architektur-Sprache von Frank O. Gehry zu erkennen. Von außen ist der Bau schlicht, aber wenig ergreifend. Drinnen sind die geschwungenen Formen zu sehen, die Gehry zwei Konferenzsälen gab, und die zum Beispiel seinen Entwurf für das Guggenheim-Museum im spanischen Bilbao prägen. Am Pariser Platz hatte sich Gehry mit seinem einzigen Bau in Berlin einzuordnen, damit, so die Argumente von Verwaltung und Gutachtern, das Brandenburger Tor mit seiner historischen Bedeutung den Pariser Platz dominiert, und nicht die neuen Gebäude.

Gegner der Stimmannschen Pläne fanden sich aber auch auf der anderen Seite. Die Gesellschaft Historisches Berlin zum Beispiel forderte, alles am Platz müsse originalgetreu wieder aufgebaut werden. Stuckfassaden hätten sich schließlich bewährt, bei der modernen Architektur wisse man das nicht so genau. Den einzigen Neubau, den der Senat selber zu verantworten hat, empfanden aber nicht nur die Vertreter des historischen Berlin als Affront, sondern auch die Architekten und Bauherrn, die gerne moderner gebaut hätten, als es die Pläne zuließen – gemeint ist der Bau der Akademie der Künste. Architekt Günter Behnisch entwarf eine Glasfassade und ließ darüber nicht mit sich reden. So und nicht anders. Er setzte sich durch.

Eine andere Diskussion ist für Flaneure auf dem Platz heute nur noch schwer nachvollziehbar. Jahrelang stritt man energisch über die Frage: Was tun mit dem Autoverkehr? Durchs Tor? In engen Schleifen rechts und links vorbei? Oder gar mittels eines aufwendigen Tunnels drunter durch? Gesiegt hat schließlich die Vernunft. Der Pariser Platz ist Fußgängern und Radfahrern vorbehalten. Kaum vorstellbar, wie diese gute Stube aussähe, würde der Ost-West-Verkehr tatsächlich über den Platz donnern – sicherlich jedoch wäre er nicht so beliebt, wie er trotz aller Diskussionen geworden ist.

Und das ist nicht nur für den Alten Fritz von Vorteil. Der Regen hat aufgehört, er posiert jetzt wieder auf dem Platz und erinnert an das preußische Berlin, das auf dem Pariser Platz nur durch das Brandenburger Tor überzeugend und originalgetreu repräsentiert wird. Alles andere ist Fassade.

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