Berlin : Die Feuerwehr warnt, die Polizei droht

Der Böller-Verkauf beginnt. Streifen sollen gegen Schreckschusspistolen und Leuchtkugeln vorgehen

Tanja Buntrock,Werner Schmidt

Von Tanja Buntrock

und Werner Schmidt

Vor den Gefahren von Feuerwerkskörpern warnt die Feuerwehr in diesem Jahr mit drastischen Beispielen: „Finger weg von Böllern“ steht auf den Plakaten, die überall in der Stadt hängen. Zu sehen ist ein junger Mann, der seine Hand ausstreckt – zwei Finger fehlen. Eine Warnung für alle, die von der Knallerei nicht lassen wollen und ab heute wieder in den Berliner Geschäften Böller kaufen. Doch es bleibt in diesem Jahr nicht bei Warnungen und Ermahnungen: Die Polizei weist darauf hin, dass diejenigen, die das alte Jahr mit Schüssen aus Schreckschusswaffen verjagen möchten, dazu jetzt einen „Kleinen Waffenschein“ brauchen. Das Schießen von Signalraketen oder Leuchtkugeln ist auf der Straße verboten. Die Polizei werde dies „im Rahmen ihrer normalen Streifentätigkeit“ kontrollieren, sagte ein Polizeisprecher gestern. Waffe und die Munition werden beschlagnahmt und der Besitzer angezeigt.

Schüsse aus solchen Waffen können schwere und sogar tödliche Verletzungen verursachen. In der Nacht zum Sonntag wurde zum Beispiel ein 18-Jähriger an der Welsestraße in Hohenschönhausen schwer verletzt. Ein Unbekannter hatte ihm eine Schreckschusspistole an die Schläfe gehalten und abgedrückt. Der Gasstrahl aus einer Schreckschusswaffe ist so stark, dass er sogar Adern zerfetzt. 1996 verblutete ein 21-jähriger Mann, dessen Halsschlagader durch einen aufgesetzten Schuss gerissen war.

Seit am 1. April das neue Waffengesetz in Kraft trat, wurden 4800 Anträge auf den „Kleinen Waffenschein“ bei der Polizei gestellt und rund 3700 auch erteilt. 300 Anträge wurden abgewiesen: In 260 Fällen bezahlten die Waffenbesitzer die Gebühr von fünfzig Euro nicht, weitere vierzig Antragsteller wurden als charakterlich ungeeignet angesehen. Ihre Pistolen konnten sie behalten. Nur auf die Straße dürfen sie nicht damit.

Schon Mitte Dezember startete die Feuerwehr ihre Plakatkampagne gegen den Missbrauch von Böllern. Viel Hoffnung machen sich die Beamten aber nicht. Der Ausnahmezustand in der Silvesternacht ist bereits eingeplant – wie jedes Jahr in Berlin. Besondere Brennpunkte seien Kreuzberg, Wedding und Neukölln, sagte Feuerwehrsprecher Lars Flörke. „Die Zahl der Brände und Verletzungen im vergangenen Jahr zeigt uns, dass wir auf Ähnliches gefasst sein müssen.“ Über 500 Menschen, die meisten sind unter 21, verletzen sich jedes Silvester durch Feuerwerkskörper. „Leichtsinn und zu viel Alkohol“ seien die Hauptursachen, sagte Flörke. Allein in der Silvesternacht 2002/2003 musste die Feuerwehr zu 1450 Einsätzen ausrücken, darunter zu über 550 Bränden. Das waren 42 Prozent mehr als im Jahr zuvor. An normalen Tagen wird die Feuerwehr zu durchschnittlich zwölf Bränden innerhalb von 24 Stunden gerufen.

Feuerwehrchef Albrecht Broemme hatte nach dem Jahreswechsel 2002/2003 sogar ein Verbot von privatem Feuerwerk gefordert. Er konnte sich aber nicht durchsetzen. Allerdings hat die Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) dieses Jahr die Zulassungen für 73 Raketen, Böller, Knaller und sonstiges Feuerwerk zurückgezogen, weil die Qualität bei der Herstellung deutlich gesunken war. Jeder Feuerwerkskörper, der in Deutschland über den Ladentisch geht, muss eine Zulassung der BAM haben. Allerdings wird kaum einer der Böller noch in Deutschland hergestellt. Produziert werden fast alle im Auftrag deutscher Importeure in Asien. Die Feuerwehr warnt vor allem vor den so genannten „Polen-Böllern“ ohne BAM-Zeichen. Sie werden meist aus Polen, aber auch aus Tschechien eingeschmuggelt. „Sie enthalten drei Mal so viel Sprengstoff wie die in Deutschland zugelassenen“, erklärte Flörke.

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