Berlin : Die fliegenden Pferde

Der letzte Auftritt der Spanischen Hofreitschule in Berlin liegt 25 Jahre zurück. Nun kommt sie wieder zu einem Gastspiel in die Stadt – präsentiert vom Tagesspiegel

Björn Seeling

Was haben ein Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule und Arnold Schwarzenegger gemeinsam? Nein, nicht die fulminante Zahnstellung, sondern die Herkunft. Beide stammen aus der Steiermark: Arnie aus Graz, der Lipizzaner aus Piber, nur wenige Kilometer von der Geburtsstadt des Hollywood-Haudraufs entfernt. Allerdings war Arnie viel öfter in Berlin als die wohl berühmtesten Schimmel der Welt. Denn die Hofreitschule gastiert zum ersten Mal seit 1978 wieder in Berlin.

Pferdenarren sprechen sogar von einem einmaligen Ereignis, das vom 5. bis 8. Dezember in der Berlin Arena stattfindet. Denn die Reitschule nimmt für sich in Anspruch, die letzte der Welt zu sein, in der die klassische Reitkunst gepflegt wird. Und das schon seit 425 Jahren. Aber was heißt hier klassisch? „Wir kommunizieren mit Hilfe der Gewichtsverlagerung, mit der Hand oder den Beinen mit dem Tier“, sagt Oberbereiter Hans Riegler, seit 33 Jahren einer der tollkühnen Männer in den ledernden Sätteln. Dabei läuft das Training ohne Zwang ab. Keine sieben Pferde würden nämlich solch ein Tier zu ungewohnten Figuren bringen. „Alle Übungen sind der Natur abgeschaut“, versichert Riegler. Und das haben schon die alten Griechen so gehalten. Denn auf ihr Vorbild geht die Tradition der Hofreitschule zurück: Vor 2000 Jahren wurde das Reiten in Griechenland zu einer Kunstform erhoben. Der steinalte Beweis dafür hängt sogar in den Staatlichen Museen Berlins. Auf einem antiken Fries ist eine Reitübung dargestellt, die auch heute noch absolviert wird.

Aber wie es so mit der Kunst ist: Irgendwann verliert sie ihre Anhänger. So wieherte beinahe 2000 Jahre kein Hengst nach dem klassischen Reiten, bevor es Mitte des 16. Jahrhunderts eine Renaissance erlebte. 1572 wurde beispielsweise der „spanische“ Reitstall Kaiser Maximilians II. erstmals erwähnt. Er ließ die damals sehr begehrten spanischen Reitpferde – die Ahnen der Lipizzaner und Namensgeber der Reitschule – züchten und nach den Regeln der Griechen ausbilden. Zu den blaublütigen Anhängern gehörte später auch Kaiserin Maria Theresia, die Reiterspiele und prunkvolle Hofbälle in der Hofreitschule veranstaltete.

Man kann sich also wie der alte Adel fühlen, wenn die Lipizzaner Figuren wie Levade, Courbette und die spektakuläre Capriole vollführen. Was sich nach Ballett anhört, ist die so genannte Schule in der Luft, bei der die Pferde keinen Kontakt mehr zum Untergrund haben. Anders als beim Menschen verlieren aber nur Tiere die Bodenhaftung, die besonders klug und begabt sind. Vor fast 25 Jahren waren die Berliner jedenfalls von den fliegenden Pferden begeistert, wie Oberbereiter Klaus Krzisch aus eigener Anschauung bestätigen kann. Ein wenig antiquiert mutet es ja an, wie er da mit Reithosen, langen Stiefeln, Uniformrock und Zweispitz auf den Pferden thront. Aber Tradition ist eben Tradition. Zu der gehört es auch, dass die Hofreitschule Männersache ist. Oberbereiter Riegler hat eine einfache Erklärung dafür: „Die Besucher erwarten, dass die Schule so ist wie vor 130 Jahren.“

Ross und Reiter bleiben übrigens ein ganzes Leben zusammen. „Mein letztes Pferd habe ich 20 Jahre lang geritten“, sagt Oberbereiter Riegler. Doch bis zum Umfallen muss ein Tier nicht arbeiten. Standesgemäß wird ein Lipizzaner der Hofreitschule pensioniert – und geht aufs Altenteil des Gestüts in Piber.

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