Die Florastraße : Das blühende Viertel von Pankow

Die Florastraße in Pankow hat mit ihren gut gebauten Bürgerhäusern etwas Fröhlich-Beschwingtes. Sie wandelt sich zum Familienkiez - kinderfreundliche Cafés und Läden entstehen. Und Eigentumswohnungen sind sehr gefragt

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Pankow blüht - vor allem die Florastraße. Hier entwickelt sich allmählich ein Familienkiez.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Kitty Kleist-Heinrich
08.06.2011 14:30Pankow blüht - vor allem die Florastraße. Hier entwickelt sich allmählich ein Familienkiez.

Der Berliner steht am Bauzaun am Anfang der Florastraße und staunt. Drei Stockwerke hoch ist das gelbe stählerne Ungetüm, das gleich seinen schweren Bohrmeißel in die Erde jagt. Der Boden zittert. Halb Pankow hält sich die Ohren zu, wenn gegenüber dem S-Bahnhof gerammt wird. „Da müssen wa durch“, sagt der Berliner und erklärt, was mit dem nicht gerade ansehnlichen, aber luftigen Garbatyplatz geschieht: Für 20 Millionen Euro baut ein Aalener Unternehmer ein dreistöckiges „Handels- und Ärztezentrum“ auf den Bahnhofsvorplatz, der dadurch gewiss nicht schöner, aber kompakter wird: Ob der dreißig Meter lange Gebäuderiegel in die Landschaft passt, darf bezweifelt werden. Und die Waren, die es eines Tages dort geben soll, werden längst in vielen kleinen Geschäften in der Florastraße angeboten.

„Früher war es hier beschaulich, ruhig und richtig langweilig“, sagt Brigitte Brunnemann, die seit 15 Jahren in einem der prächtigen, innen wie außen mit Stuck und Ornamenten verzierten Haus wohnt. „Aber heute ist diese breite Straße mit ihren alten Bäumen längst aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Hier lebt es sich wunderbar. Alles da, was man so braucht. Viele kleine Geschäfte. Ein Zimmertheater, der Italiener „Firenze“, wo man gelegentlich Herrn Trittin bei Weißwein zum Fisch oder etliche bekannte Mimen, die in Pankow wohnen, treffen kann. Eigentlich ist das eine sehr junge Straße geworden: Second-Hand-Laden für Kindersachen, Kinderbuch-Geschäft, Kindercafé, Kindermusikschule, Kinder, Kinder“. Nur das Gehweg-Pflaster sei mit hohen Absätzen schwer begehbar, moniert die alte Pankowerin.

Trotzdem: Die Florastraße mit ihren gut gebauten Bürgerhäusern hat etwas Fröhlich-Beschwingtes. Sind es die vielen Kinder mit den bunten Helmen, die mit ihren Mini-Fahrrädern über den Gehweg jagen? Sind es die hübschen jungen Mütter, die im Garten vorm Kindercafé sitzen, Torte essen und rauchen, während die Männer im Buddelschiff mit den Kleinen Sand-Kuchen backen? Sind es vielleicht die Parterre-Läden, in denen man zu DDR-Zeiten wohnte, wo aber heute Jung-Unternehmer „Mode-Label für kesse Jungs und Mädels“ entwerfen und verkaufen?

Frank Schultz und Tobias Breyer sind mit ihrem Kommunikationsunternehmen „Bei Freunden“ von Prenzlauer Berg in die Flora 61 gezogen, finden es hier ungewöhnlich und gut fürs Geschäft, aber haben auch das Gefühl, dass Pankow seine Beschaulichkeit verliert, weil sich der Bezirk zusehends in eine andere Richtung wandelt. Der Leerstand von einst ist verschwunden, jede Lücke wird zugebaut, „und wer mit seinen Kindern aus Prenzlauer Berg wegen der Ruhe hier hergezogen ist, wundert sich jetzt, dass auch Pankow voll und voller wird“. Prenzlauer Berg, ohnehin mit Pankow zu einem Bezirk verbandelt, „schwappt rüber“, schwäbisch-fränkisch-bayerisch-hessische Idiomatik inklusive. Und noch ein Grund für die Berliner Völkerwanderung gen Norden ist die Aussicht auf Stille über dem grünen Bezirk mit seinen Gärten und Parks: Tegel ade. Es brummt bald nicht mehr vom Himmel hoch, also brummt es anderswo.

Zum Beispiel beim Wohnungsbau im Kiez. Simone Rennert vom Lotto- und Schreibwarenladen spürt diesen „erheblichen Zuzug aus Westdeutschland“ an ihrer Kundschaft. Ein Teil kommt aus der Neuen Schönholzer Straße, wo der Nürnberger Investor „Terraplan“ das finanzielle und abenteuerliche Kunststück fertigbrachte, das Industriedenkmal der alten Mälzerei mit ihren märchenhaften Schornstein-Türmchen am Rande der Mühlenstraße um- und auszubauen. Keiner wollte die gelben Backsteinziegelbauten haben, bis die wagemutigen Franken kamen, fast 40 Millionen Euro investierten und mit einem Potsdamer Architekten 140 Wohnungen mit Größen von 45 bis 270 Quadratmetern ausbauten. „Ich bin hier einfach nur happy“, sagt Karin Sparmann, die vor ein paar Monaten eingezogen ist. Seither gibt es einen regelrechten Run interessierter Schaulustiger mit vielen Fragen, „manche Wohnungen sind bis zu sechs Meter hoch“, erklärt die glückliche Mieterin, „gewölbte Decken, exklusive Ausstattung, Parkett, Bäder inmitten der Stube, alles vom Feinsten“. Auch der Preis. Auf einem Schild steht: „Hier sind alle Wohnungen verkauft“. Für bis zu 3500 Euro pro Quadratmeter.

Wer Geld hat, stellt sich schon mal in die Schlange für den Erwerb der Neubauten auf dem Gelände an der Ecke Gaillardstraße. 60 Millionen Euro kostet der Bau der „Floragärten“ mit 240 Wohnungen, bis 2014 soll dieser Komplex fertig sein – Pankows Verwaltung muss diesen Zuwachs bedenken, nach einer Studie ziehen in den nächsten Jahren 40 000 Menschen nach Pankow und Weißensee. Im Norden gibt es zum Teil dörfliche Strukturen, da spricht man im Pankower Rathaus von „Verdichtungspotenzial“. Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) sieht in alldem eine erfreuliche Entwicklung, die den Bezirk mit seinen fast 370 000 Bewohnern voranbringt, wenngleich es einer Kommune mit 30 Millionen Euro Schulden nicht leichtfällt, seine Infrastruktur mit Schulen, Kindertagesstätten und Verkehr dem raschen Fortschritt anzupassen.

Und dieser Fortschritt scheint unaufhaltsam: Wenn wir die Florastraße über die Breite Straße und die S-Bahn-Gleise verlängern, kommen wir auf den einstigen Rangierbahnhof Pankow – 40 Hektar. Das gesamte Areal zwischen Berliner Straße und Prenzlauer Promenade samt Lokschuppen-Ruine hat, wie kürzlich berichtet, Möbelunternehmer Kurt Krieger gekauft. Der Chef der Höffner-Möbelgesellschaft, geboren und aufgewachsen in Pankow, möchte dort für rund 350 Millionen Euro einen Park bauen, eine Schule, zwei Möbelhäuser. Aber das ist die nächste Geschichte.

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