Berlin : Die Flucht ging erst nach Osten

Dichtes Gedränge im Zeitzeugencafé

Sebastian Scholz

Bereits am Eingang zeigt ein Schild, wie ein Tag des Gedenkens dazu dienen kann, Menschen einander näher zu bringen. „Suche meinen Fluchtpartner, der mit mir am 27.10. 1961 über die Dächer der Bernauer- und Ackerstraße geflohen ist“, heißt es darauf. Nähe wurde auch im Garten des Hotels „Grenzfall“ gesucht. Beim „Zeitzeugencafé“ erzählten Menschen von ihren ganz persönlichen Erlebnissen und Geschichten mit der Mauer. „Die Veranstaltung richtet sich besonders an junge Menschen, die sich das Leben mit der Mauer nicht vorstellen können“, erklärte der Leiter der Gedenkstätte, Axel Klausmeier. Die Veranstaltung war Teil der offiziellen Gedenkveranstaltung an der Bernauer Straße. Hier gehe es vor allem darum, dass „Menschen von nebenan“ ihre Erinnerungen erzählen, so Klausmeier.

Die Berlinerin Kerstin Masken machte sich 1984 im Alter von 24 Jahren über Afghanistan auf den Weg in die Bundesrepublik. Die sowjetische Armee war Jahre zuvor am Hindukusch einmarschiert. Während einer Studienreise setzte sich die Studentin der Berliner Humboldt-Universität von ihrer Gruppe ab und floh im Tschador verkleidet mit Hilfe afghanischer Stammeskrieger über das Gebirge nach Pakistan. In der DDR wurde sie anschließend per Haftbefehl gesucht.

Martin Ahrends las aus seinem Buch „Zwischenland“. Über den Schriftsteller verhängte die DDR-Führung 1982 ein politisch begründetes Arbeitsverbot, weshalb er 1984 nach einem Ausreiseantrag das Land verließ und Freunde und Familie zurücklassen musste. Und Susanne Schädlich hatte erlebt, wie sich Verrat bis in die Familie fortpflanzen konnte. Sie erzählte die Geschichte ihres Vaters Hans, der jahrelang von seinem eigenen Bruder für die Stasi bespitzelt wurde.

In anderen Gesprächsrunden stellten sich unter anderem Tunnelflüchtlinge und ihre Helfer den Fragen von Schülern und Mitarbeitern der Gedenkstätten vor. So entwickelte sich ein reger Austausch zwischen Menschen, die die Teilung noch erlebten, und jenen, die die Mauer nur aus dem Geschichtsunterricht kennen. Sebastian Scholz

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