Berlin : Die Flutpegel sinken langsam

Keine höchste Alarmstufe mehr – das Wasser fließt zügig in die Ostsee ab Doch vor allem im Oderbruch trauen die Einwohner der Lage noch nicht

Thorsten Metzner Claus-Dieter Steyer
Erste Entwarnung. Die höchste Alarmstufe ist aufgehoben, doch der Druck auf die Deiche – hier bei Bienenwerder im Märkisch-Oderland – bleibt hoch.
Erste Entwarnung. Die höchste Alarmstufe ist aufgehoben, doch der Druck auf die Deiche – hier bei Bienenwerder im...Foto: ddp

Frankfurt (Oder) – Es herrscht kein Katastrophenfall mehr in der Oderregion und das Hochwasser fließt in die Ostsee ab: Seit Montagmittag gilt nirgendwo am gesamten brandenburgischen Oderlauf mehr die höchste Alarmstufe IV, bestätigte Matthias Freude, der Präsident des Brandenburger Landesumweltamtes. Zuvor war zwischen Ratzdorf und Eisenhüttenstadt die höchste Alarmstufe aufgehoben worden, nachdem die Pegel weiter sanken. Noch gilt entlang der Oder allerdings die Stufe III, bei der die Deiche permanent Tag und Nacht überwacht werden müssen. Allerdings bewegt sich das Hochwasser sehr schnell, „mit 4 Metern pro Sekunde“, wie jetzt erstmals gemessen wurde. Die Experten des Landesumweltamtes gehen davon aus, dass zwischen Ratzdorf und Eisenhüttenstadt bereits Dienstagmittag die Stufe 3 aufgehoben werden kann und die Helfer nach Hause können. „Eine Nacht müssen sie noch auf dem Deich bleiben“, sagte Freude.

Auch mit einer zweiten Flutwelle sei trotz der vorhergesagten starken Niederschläge in Polen und Tschechien nicht zu rechnen, sagte Freude. Die Prognosen seien zu vage. Entwarnung wollen die Verantwortlichen trotzdem nicht geben. „Die Gefahr ist nicht vorüber“, warnte Innenminister Rainer Speer. Das gilt vor allem für das Oderbruch, wo die Pegelstände knapp unter der Alarmstufe IV stehen. „Das Wasser steht nur 30 Zentimeter unter der Flut von 1997“, sagte Freude. „Ohne die neuen Deiche könnte einem angst und bange werden.“ So werde am Wochenende der Scheitel des Warthe-Hochwassers in die Oder münden, was bei Küstrin die Deiche zusätzlich belasten werde.

Im 70 Kilometer nördlich Berlins gelegenen Oderbruch ist von Zufriedenheit oder Erleichterung über das überstandene Hochwasser noch nichts zu spüren. Mit ihrer Unruhe in dieser treffend als „Badewanne“ beschriebenen Region gehen die Einwohner ganz unterschiedlich um. Manche haben schon vor Tagen die wichtigsten Papiere an einen sicheren Ort gebracht. Viele aber zieht es zu den Plätzen, auf denen Sandsäcke gefüllt werden. „Irgendetwas müssen wir ja tun“, meint ein älterer Mann aus Genschmar. Er greift zwar nicht mehr zur Schippe, hat aber mit seiner Frau frisches Obst zu den freiwilligen Helfern gebracht.

In einer Pause lauschen die Frauen und Männern dann aufmerksam den Geschichten ihrer Väter und Großväter. Denn so eine fruchtbare und dennoch durch Hochwasser gefährdete Landschaft wie das Oderbruch gibt es kein zweites Mal in Deutschland. Preußenkönig Friedrich II., der im Dorf Letschin dank der Wende wieder auf seinem angestammten Sockel stehen darf, hat hier vor 250 Jahren eine „Provinz im Frieden erobert“, wie er anlässlich der Fertigstellung eines 20 Kilometer langen Kanals erklärte. Dieser zwang die Oder in ein neues Bett und ermöglichte die Trockenlegung des dahinter liegenden Areals. Das erhielt schnell seinen Beinamen als „Gemüsegarten Berlins“. Bei jedem Hochwasser aber versucht der Fluss wieder ins ursprüngliche Delta zurückzukehren.

Das gelang ihm letztmalig 1947. Ins Gedächtnis der Bewohner hat sich die Katastrophe eingegraben. Bis heute gibt es an alten Häusern Markierungen des damaligen Wasserstandes in vier oder gar sieben Meter Höhe. Eisschollen hatten sich im März 1947 zu einer vier Kilometer langen Barriere zusammengeschoben und das Wasser bei Reitwein über die Ufer treten lassen. Seit dem Zeitpunkt leben die Menschen im Oderbruch mit viel Respekt vor dem Fluss. 1997, als sich letztmalig die Wassermassen gegen die Deiche mit großer Wucht drängten, gab es kaum nennenswerte Widerstände gegen eine Evakuierung. Thorsten Metzner

Claus-Dieter Steyer

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