Berlin : Die Frage lautet: Wer hat angefangen?

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1. Mai 2001: Unter das Festpublikum auf dem Mariannenplatz mischen sich Vermummte. Steine fliegen. Gegen 18 Uhr stürmt die 23. Einsatzhundertschaft den Platz. Es kommt zu den schwersten Krawallen seit Jahren. An einer Hauswand steht Niels J., 22 Jahre. „Links die Wasserwerfer, geradeaus die Demonstranten.“ Er wird Zeuge von Einkesselungen, Steinwürfen, rempelnden Polizisten, Barrikadenbau und Tränengaseinsatz. Nicht Revoluzzertum trieb J. mitten ins Mai-Ritual, sondern die Frage: Wer hat angefangen, Demonstranten oder Polizei? J. ist einer der „Demo-Beobachter“ des Komitees für Grundrechte und Demokratie, die auch diesmal wieder im Einsatz sein werden. Weil die Antwort auf die Gewaltfrage ein Politikum ist, sollen die Demo-Beobachter als unabhängige Augenzeugen berichten.

Vorbereitungstreffen im „Max und Moritz“ in der Oranienstraße. Der Berliner Politologie-Professor Wolf-Dieter Narr verteilt als Vertreter des „radikaldemokratischen Komitees“ Checklisten zur Demo-Beobachtung an etwa drei Dutzend junge Leute. Er rät, „nicht von vornherein nur die eine oder die andere Seite zu sehen“, jedes Vorkommnis akkurat zu notieren, nur zu zweit unterwegs zu sein. Ausweise und voraussichtlich Armbinden sollen die Beobachter kennzeichnen. Am 2. Mai will das Komitee über die Ergebnisse informieren. Später soll es einen ausführlichen Bericht geben. Ob er einen Helm mitbringen darf, fragt einer der jungen Leute. „Um Gottes willen“, raunt es im Publikum. Sowas falle unter das Vermummungsverbot. Sinn der Sache sei nicht, „sich so zu kostümieren wie die Polizei“, sagt Narr.

Völlige Unabhängigkeit ist indessen nicht zu erwarten. „Dass man in der Regel linken Gruppen näher steht“, brauche nicht verleugnet zu werden, sagt der Professor. Narr ist ein alter Hase, was das Demo-Beobachten anbelangt. Seit Anfang der 80er Jahre ist er bei den großen Protesten dabei. Der Wissenschaftler verfolgt ein politisches Ziel: den Schutz des Demonstrationsrechts. Es sei eine der letzten Möglichkeiten für den Bürger, unmittelbar politisch zu agieren. Mit Verboten werde es immer mehr beschnitten.

Der über 60-jährige Narr war 2001 einer von 616 Festgenommen. In der Adalbertstraße eilte er zu einer Sitzblockade, wurde von Polizisten gepackt, verlor Brille und Hörgerät und musste stundenlang in einem Polizei-Transporter ausharren. Es hätte jeden treffen können, sagte Narr später. Er hat sich mit einer Klage zu Wehr gesetzt – erfolglos. „Da wäre es hilfreich gewesen, wenn jemand die Festnahme beobachtet hätte.“ tob

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