Berlin : Die Freud-Lacan-Gesellschaft ist dem größten Organ des Menschen auf der Spur

Andrea Roedig

"Dem Nackten traut man alles zu" empörte sich einst der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß. Gemeint waren die pressewirksam eingesetzten blanken Hintern der Kommune I, die demonstrativ entblößten Brüste von Studentinnen in muffigen Universitätsvorlesungen zu Zeiten der Studentenbewegung. Wer schamlos nackt ist, werde unverschämt und unberechenbar in jeder Hinsicht, so fürchtete der bayrische Patriarch. Zu Beginn der siebziger Jahre war das nackte Fleisch ein Schock.

Unser größtes Organ, die Haut, ist Thema eines Kongresses der Freud-Lacan-Gesellschaft am kommenden Wochenende in Berlin. Eine Befreiung des Körpers und der Lust seien die Entblößungen der Studentenrevolution nicht gewesen, meint der angehende Psychoanalytiker Erik Thomann, der auf dem Kongress über die Geschichte der Freikörperkultur referieren wird. Denn nackte Haut jenseits einer kulturellen Ideologie ist gar nicht möglich. So blieb auch die sexuelle Revolte der siebziger Jahre nicht Selbstzweck. Die freizügigen Enthüllungen waren nur legitim als Mittel der Gesellschaftskritik, als Waffe im Kampf gegen das bekleidete Spießertum. In der Nudistenbewegung zu Beginn des Jahrhunderts galt der unbekleidete Körper als Zeichen für Natürlichkeit und Freiheit, er war das Gegenbild zur krank machenden Enge und Verruchtheit der Städte.

Tatoo: Inszenierte Kastration

"Die Haut will Licht trinken und Luft atmen, nehmt Lichtbäder", hieß die Devise des Sonnenkults. Die Freikörperfreunde waren jedoch peinlich darauf bedacht, ihre lufttrunkenen Leiber mit Gesundheit, keinesfalls aber mit Sexualität zu assoziieren. Die Nudisten begriffen sich als Geschwister, "das gemeinsame Nackendsein", meinten sie, zwinge "zur Lauterkeit der Gedanken". Der Mann, "der nackend in Gesellschaft nackter Frauen lasziven erotischen Gedanken sich hingeben würde", wäre schnell entlarvt. Nacktheit bedeutete so nicht Erotik, sondern war für die Nudisten Beleg unverdorbener Ursprünglichkeit, ein Zeichen der Unschuld, man hatte nichts zu verbergen.

Im völkische Flügel der Nacktkulturbewegung zeigte sich allerdings eine andere Tendenz. Hier wurde der unbekleidet makellose, athletische Körper zunehmend zum Kriterium der Selektion. Das sexuelle Begehren, von den Nudisten so hartnäckig verleugnet, kam im Dienste der Zuchtwahl durchaus wieder zu Ehren. Egal wie und in welchem Kontext nackte Haut erscheint, "sie kann nie nichts bedeuten", meint Thomann. "Anders als das Tier, bei dem es kaum einen Sinn macht zu sagen, es sei nackt, ist der nackte Körper des Kulturmenschen immer schon in das Spiel von Bedeutungen gezogen."

Offensichtlich wird die Haut zum Bedeutungsträger in der Tätowierung. Bernhard Schwaiger, Psychologe in einer Justizvollzugsanstalt, wird an zwei Fallbeispielen der Funktion der in die Haut geritzten Bilder nachgehen. Da macht ein Mensch seinen Körper zum Gesamtkunstwerk, will mit der bunten Haut beeindrucken, die Tätowierung wird zur Kompensation, schreibt Identitäten fest, gibt eine Heimat. In einem anderen Fall wiederum kann sie, so wird Schwaiger zeigen, zur Inszenierung einer Kastration werden. Die Haut empfinden wir - heutzutage - als die Grenze des Ich, sie ist gleichzeitig Schutz und Kontaktfläche zur Welt. Psychoanalytisch gesehen, ist sie Symptomträger, ein Spiegel der Seele. Hier zeigen sich Pusteln, Flechten, Schamesröte, die Haut ist Fühl- und Schauobjekt.

In seinem Vortrag über "Rubbeln", wird der Berliner Psychoanalytiker Claus-Dieter Rath erörtern, was wir mit der Haut anstellen, um mit einem störenden Reiz fertig zu werden. Das Kratzen, Reiben, Schrubben, Drücken stellt ein mehr oder weniger austariertes Gleichgewicht von Lust und Störung her. Entkommen jedenfalls können wir der Haut nicht, selbst der viel zitierte Cybersex, in dem es ohne Berührung und Schleimhäute zugehen soll, "ist zumindest noch über die eigene Netzhaut vermittelt". Die Freud-Lacan-Gesellschaft, vor zwei Jahren in Berlin gegründet, veranstaltet Tagungen, Seminare und "psychoanalytische Lektüren" literarischer Texte. Auf dem Kongress stellen sich Mitglieder der Gesellschaft, die aus verschiedenen Disziplinen kommen, erstmals gemeinsam mit ihren Arbeiten vor. Zum Thema "Haut" werden daher auch Literaturwissenschaftler, Kunsthistoriker und Architekten sprechen.Der Kongress "Die Haut" findet vom 3. bis 5. Dezember in der Akademie der Künste statt, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin. Die Kongressgebühr beträgt 200 Mark. Informationen unter Tel.: (030) 721 37 49

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