Berlin : Die ganze Welt klingt nach Neumann

Ob Max Raabe, die Pariser Oper oder der Papst: Alle benutzen Mikrofone der Firma aus Reinickendorf

Bernd Matthies

Gerade ist die Kiste aus Paris gekommen. Stephan Peus öffnet den Deckel, nimmt eine Schachtel heraus, öffnet auch sie. Drinnen ist ein Mikrofon, sichtlich gezeichnet vom langen Gebrauch. Es hat vor den berühmtesten Orchestern und Dirigenten der Welt gestanden, hat die Musik transportiert, die in den vielen legendären Decca-Aufnahmen der 60er Jahre für die Ewigkeit festgehalten wurde. Noch fünf baugleiche Mikrofone liegen im Koffer; sie sind bei einem Betriebsunfall in der Pariser Oper möglicherweise beschädigt worden. Diese Mikrofone wurden vor Jahrzehnten bei Georg Neumann in Berlin gebaut; Peus, heute der technische Geschäftsführer der Firma, wird sie nun prüfen, säubern und notfalls reparieren lassen. Es gebe keinen Grund, warum sie nicht noch ein paar Jahrzehnte Dienst tun könnten, meint er.

Solche Aufträge sind normal in der Ollenhauerstraße 95 in Reinickendorf: Erst vor ein paar Monaten hat hier ein Servicetechniker jene Mikrofone überholt, ohne die die Rolling Stones nicht ins Studio gehen. Und wenn der Papst seine Stimme zum Segen erhebt, dann ist Neumann ebenfalls im Spiel. Frank Sinatra, Bob Dylan, Kylie Minogue, Xavier Naidoo – die Referenzliste ist lang. In den Aufnahmestudios ist der Einsatz von Neumann nahezu obligatorisch, aber auch auf der Bühne setzt sich die neue Kombination von Neumann-Kapsel mit Sennheiser-Handsender allmählich durch.

Neumann – das ist einer der wenigen Berliner Firmennamen mit Weltgeltung. Die Geschichte des Unternehmens begann 1928, als der Gründer Georg Neumann das erste serientaugliche Kondensatormikrofon entwickelte, eine Flasche aus Metall mit einem Ei obendrauf, Typ CVM 3. Es wurde mit dem Telefunken- Logo weltweit vertrieben, transportierte Reportagen von der Olympiade 1936 und half Ernst Reuter 1948 bei seinem dramatischen Appell an die Völker der Welt. Seither hat der Betrieb Dutzende von Mikrofontypen entwickelt, Maschinen für den Schallplatten-Schnitt und Tonregie-Tische gebaut, konzentriert sich aber seit der Übernahme durch die Sennheiser-Gruppe 1991 wieder ganz auf die Mikrofontechnik. Die Fertigung allerdings findet bei Sennheiser in Hannover statt; in Reinickendorf arbeiten unter Leitung des kaufmännischen Geschäftsführers Wolfgang Fraissinet 24 Mitarbeiter in Entwicklung, Werbung, Service und Verkauf.

Das Geheimnis des andauernden Erfolgs: Neumann arbeitet für Profis, die Qualität vor den Preis stellen und sich nie von billigen Fernost-Kopien blenden lassen würden. „Jedes unserer Geräte durchläuft 64 Tests, bevor es ausgeliefert wird“, sagt Fraissinet, „das passiert bei Imitationen aus China für ein paar hundert Dollar natürlich nicht.“ Extrem geringe Fertigungstoleranzen erlauben es, den ursprünglichen Klang auch nach Jahrzehnten wiederherzustellen, Ersatzteile gibt es für nahezu die komplette Nachkriegsproduktion. Das zentrale technische Thema der Gegenwart, die Digitalisierung, spielt auch hier eine große Rolle: Mit Neumanns „Solution D“ gibt es seit 2003 erstmals ein Mikrofon, das den Schall unmittelbar hinter der Membran in digitale Information umwandelt und damit das Rauschen auf das theoretische Minimum reduziert.

Beim Entwickeln sind die Kundenwünsche das Maß der Dinge. Vor ein paar Wochen haben Peus und Fraissinet mit Herbert Grönemeyer in London einen Blindtest veranstaltet. Er sang in verschiedene Mikros, deren Innenleben er nicht kannte, und beurteilte sie über Kopfhörer. Eines, fand er, sei perfekt für den täglichen Gebrauch, für ein anderes wagte er einen kulinarischen Vergleich: Das sei „wie Barolo“. Über solche Parallelen freut sich Stefan Peus, denn er sucht nicht in erster Linie nach dem Ideal der absoluten Klangneutralität, sondern konstruiert die Mikrofone als Musikinstrumente, ähnlich einer Stradivari.

Das gefällt auch Max Raabe, der die Musik seines Palastorchesters ganz den teuren Neumann-Mikrofonen anvertraut. Bei der Premiere am 24.Februar saßen Tonmeister und Ingenieure aus mehreren Ländern im Schiller-Theater, um sich diese Rarität anzuhören. Ihr Urteil: Besser geht’s nicht.

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