Berlin : Die Ganztagsschule kommt – und die Kinder gehen

Eltern melden Schüler ab. Pro & Contra: Soll Nachmittagsbetreuung Pflicht sein?

Susanne Vieth-Entus

Der Pisa-Schock saß tief, als die Bundesregierung den Ländern im Jahr 2002 vier Milliarden Euro für den Ausbau von Ganztagsschulen in Aussicht stellte. Das Ziel war klar: Insbesondere Migrantenkinder und Kinder aus „bildungsfernen“ Elternhäusern sollten über die üblichen vier bis sechs Unterrichtsstunden hinaus gefördert werden, um ihre Bildungschancen zu verbessern.

Allein Berlin bekommt bis 2007 rund 147 Millionen Euro aus diesem Topf. Das Geld soll vor allem in 30 „gebundene“ Ganztagsschulen fließen. „Gebunden“ bedeutet, dass auch am Nachmittag eine systematische Förderung stattfindet und nicht nur Mittagessen plus Hausaufgabenbetreuung und Spiel. 19 dieser Schulen wurden bereits benannt, die übrigen elf werden bald bekannt gegeben. Dazu gehören nach Tagesspiegel-Informationen die Carl-Bolle-, die Carl-Kraemer-, die Gustav-Falke- und die Humboldthain-Grundschule in Mitte, die Kronach- und die Buschgraben-Grundschule in SteglitzZehlendorf sowie die Eduard-Mörike- und Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln.

Der Großteil dieser Schulen liegt – wie vom Bund gewünscht – in den so genannten sozialen Brennpunktgebieten. Dennoch ist noch nicht klar, ob man tatsächlich die Kinder erreicht, für die die Schulen in erster Linie gedacht waren. Schon gibt es Familien, die sich an benachbarte Halbtagsschulen ummelden, da sie keine 40 Euro Essensgeld im Monat zahlen wollen, die an Ganztagsschulen fällig werden.

Schwierig wird es auch, jene Familien zu halten, die ihre Kinder nachmittags lieber zur Koranunterweisung schicken wollen. Allein an den Moscheegemeinden der Islamischen Föderation werden nach Angaben des Justitiars Burhan Kesici rund 2000 Kinder in so genannten Koranschulen unterrichtet, davon die Mehrzahl am Nachmittag, weniger am Wochenende.

Und dann gibt es noch jene Gruppe von Familien, die ihre Kinder aus unterschiedlichsten Gründen am Nachmittag zu Hause haben wollen: damit sie traditionell erzogen werden oder den Eltern im Betrieb helfen oder auf die kleinen Geschwister aufpassen oder zu Sportvereinen gehen können.

Um es den Familien nicht zu leicht zu machen, den Ganztagsschulen auszuweichen, wurden sie an feste Einzugsbereiche gebunden. Dies bedeutet, dass sich die in der Nähe wohnenden Eltern auf jeden Fall an „ihrer“ Ganztagsschule anmelden müssen. Es bleibt ihnen aber freigestellt, sich Halbtagsschulen zu suchen und sich, wenn sie einen anderen Schulplatz nachweisen können, von der Ganztagsschule abzumelden. Ob von dieser Möglichkeit viele Familien Gebrauch machen werden, steht noch nicht fest. Die Bezirksämter hoffen, dass die unter Umständen komplizierte Suche nach einer Ausweichschule eine Hürde bedeutet, die von Migranten und bildungsfernen Familien nicht so schnell genommen wird.

Manche Bezirke haben sich allerdings für „teilgebundene“ Schulen entschlossen. Dies bedeutet, dass Eltern wählen können, ob sie ihre Kinder in Ganz- oder Halbtagsklassen schicken. Neuköllns Volksbildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) plädiert für teilgebundene Schulen, um den Eltern die freie Entscheidung zu lassen und ihnen das Ausweichen auf andere Schulen zu ersparen.

Dieser Weg ist aber umstritten. Etliche Schulleiter und Stadträte befürchten, dass das Ganztagskonzept „aufgeweicht“ wird, wenn ein Teil der Kinder mittags die Schule verlässt. Zu ihnen gehört auch der Leiter der Spreewaldschule, Erhard Laube. Und er kämpft um „seine“ Eltern. Damit kinderreiche Familien nicht wegen des Essensgeldes die Schule zugunsten einer Halbtagsschule verlassen, hat er mit seinem Cateringbetrieb ausgemacht, dass nur zwei Kinder pro Familie zahlen müssen und die übrigen Geschwister kostenlos essen können.

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) ist „optimistisch“, dass sich viele der Familien, für die die Ganztagsschulen ursprünglich gedacht waren, auch für dieses Angebot entscheiden. Er setzt auf Überzeugungsarbeit, „denn den Kampf um die Migranten gewinnt man nicht mit Zwang“.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben