Berlin : Die Gefahr lauert in den Baumkronen

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Von Annette Kögel

und Stefan Jacobs

Der Orkan vom vergangenen Mittwoch gefährdet noch für längere Zeit die Sicherheit in Berlins Straßen und Parks. Fachleute befürchten, dass vorgeschädigte Bäume bei stürmischem Wetter in den kommenden Wochen dicke Äste verlieren oder gänzlich kippen könnten. Mehrere Bezirksämter warnen deshalb weiterhin vor dem Betreten von Parkanlagen. Allein im Tiergarten müssen in den nächsten Tagen rund 130 Bäume gefällt werden, die wegen ihrer Schäden als Sicherheitsrisiko gelten. Doch es fehlt an Personal. Ämter gestehen ein, dass sie ihrer Verkehrssicherungspflicht nur ungenügend nachkommen und keinesfalls sämtliche Bäume überprüfen können.

Der Bezirk Mitte hat weiterhin Flächen im Schillerpark, in den Rehbergen und im Tiergarten gesperrt. „Wer die Flatterbänder missachtet, begibt sich in Lebensgefahr“, sagt Harald Büttner vom Grünflächenamt. Doch auch drumherum sollten Parkbesucher noch vorsichtig sein und generell Baumgruppen meiden.

Viele Bezirksämter haben noch keinen genauen Überblick: „Die Schäden sind einfach zu gewaltig“, sagt Friedrich Dannenberg vom Steglitz-Zehlendorfer Naturschutz- und Grünflächenamt. Baustadtrat Uwe Stäglin (SPD) hofft, dass alle losen Äste und morschen Stämme rechtzeitig entdeckt und gesichert werden können, bevor sie Passanten verletzen.

Die Leiterin des Umweltamtes in Tempelhof-Schöneberg, Ute Heinrich, ist dagegen pessimistisch. Man habe zwar sämtliche Routinearbeiten gestoppt und zusätzlich zu den drei eigenen „Steigerkolonnen“ zwei Fremdfirmen zur Sicherung der Bäume engagiert. Aber spätere Personenschäden seien nicht auszuschließen. „Die werden wir dann wohl bezahlen müssen“, sagt sie mit Blick auf die so genannte Verkehrssicherungspflicht: Gelingt geschädigten Passanten der Nachweis, dass Senat oder Bezirke die Bäume nicht ausreichend gepflegt haben, können sie die öffentliche Hand verklagen.

Für Laien sind angebrochene Äste oder ausgerissenes Wurzelwerk nicht sichtbar. Aber die Experten wissen, wie es unter der Rinde und in der Erde aussieht. „Wir haben Angst vor Folgeschäden“, sagt Christoph Schaaf, technischer Leiter für den Großen Tiergarten beim Bezirksamt Mitte. Die Orkanböen fegten in etwa sechs Meter Höhe über das Grün hinweg. Deshalb habe es viele hohe Pappeln erwischt. „Das war ein einziges Krachen und Knirschen in den Kronen.“ Allein in den nächsten Tagen müssten rund 130 Bäume gefällt werden. Betroffen seien nicht nur Pappeln und Ahorn, sondern auch die stabileren Eichen. Schaaf: „Für die Natur ist das kein Drama, aber es sieht sehr unschön aus. Die Schäden werden uns bestimmt noch eineinhalb Jahre beschäftigen.“ Noch gefährdeter als das Grün in Wäldern und Parks sind die 410 000 frei stehenden Straßenbäume, sagt Schaaf. Durch Bauarbeiten und das unterirdische Verlegen von Leitungen seien viele Wurzeln ohnehin schon gekappt oder eingerissen. In den besonders von dem Orkan betroffenen Straßen lassen nur kleine Risskanten in der Erde erahnen, dass der Baum in der Standfestigkeit erschüttert ist und bei einem starken Windstoß kippen könnte. Deshalb müssten nun auch viele scheinbar intakte Bäume gefällt werden. Wegen der Personalknappheit in den Ämtern könne aber keineswegs jeder einzelne Baum überprüft werden, sagt Schaaf. Allein in seinem Amt seien von einst 120 nur noch 30 Mitarbeiter übrig.

Doch auf Geld vom Senat machen sich die Bezirke wenig Hoffnung: „Wir sehen nicht, dass das realistisch ist“, heißt es im Pankower Rathaus. Der Bezirk verzeichnet allein im Volkspark Prenzlauer Berg 60 „Totalschäden“. Das Steglitz-Zehlendorfer Bezirksamt hofft auf Senatshilfe, weil die Schäden das Gros der für die Grünanlagenpflege eingeplanten 800 000 Euro verschlingen.

Die Berliner Forstbetriebe dürften vergleichsweise besser dastehen. Heute will die Senatsverwaltung eine erste Bilanz aufstellen. Zwar richtete der Orkan auch in den Wäldern große Schäden an. Doch die Aussichten für Spaziergänger sind gut: „Ab kommendem Wochenende kann man hoffentlich wieder einigermaßen gefahrlos durch den Wald laufen“, heißt es in der Verwaltung.

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