Berlin : Die geliehene Stimme

Ohne sie würden Carrie aus der amerikanischen Kultserie „Sex and the City“ die Worte fehlen: Die Berlinerin Irina von Bentheim ist Synchronsprecherin. In vielen Hollywood-Filmen ist sie zu hören

Constance Frey

„Entschuldigung, ich bin zu spät!“, ruft die junge blonde Frau, noch gar nicht ganz dem Taxi entsprungen. Dann kommt sie in den Laden gerauscht, eine Umhängetasche an der Hüfte – und stürzt sich auf einen Stapel Hosen, Blusen und Röcke. Damit unterscheidet sich Irina von Bentheim von ihrem amerikanischen Part Sarah Jessica Parker, die die Carrie Bradshaw in der Serie „Sex and the City“ spielt: Carrie Bradshaw würde jetzt in Schuhbergen wühlen, ihre deutsche Synchronstimme Irina von Bentheim kämpft sich derweil durch einen Haufen Klamotten.

Die braucht sie für ihre Tournee, die im Mai beginnt. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird sie aus den Kolumnen der New Yorker Journalistin Candace Bushnell lesen, die mit ihren Texten die Grundlage für die Serie „Sex and the City“ geschaffen hat. Zu kaufen gibt es die Kolumnen ab 23. Februar, mit der Original Carrie-Irina von Bentheim-Stimme. Auf der Bühne wird sie mehr als nur lesen: mit Schuhkartons hantieren, die Outfits wechseln. Die müssen so sexy sein wie die von Carrie Bradshaw. Daher die Anprobierorgie für den perfekten Look im Laden des Berliner Labels Luzifer.

Carrie Bradshaw und Irina von Bentheim, das ist eine Geschichte, die mit einem ganz normalen Vorsprechen anfing. „Ich wusste überhaupt nicht, worum es in der Serie geht“, sagt Irina von Bentheim. Dann kamen die ersten Freunde zu ihr: „Weißt du, was du da sprichst?“ Die Serie wurde Kult. Auf der Straße hat sie noch niemand aufgrund der Stimme erkannt. „Aber ich bin schon gefragt worden, ob ich jetzt auch Sextipps gebe.“ So wie die blonde New Yorker Kolumnistin Carrie Bradshaw, die mit ihren drei Freundinnen Charlotte York, Miranda Hobbes und Samantha Jones seit fünf Staffeln über Männer und das Zusammenleben mit ihnen grübelt. Welcher, wie, wann, wo und ob überhaupt, darum geht es auch in der sechsten und letzten Staffel, die am vergangenen Dienstag angelaufen ist. Wie die zu Ende geht, weiß Irina von Bentheim nicht. Die Synchronisierung ist noch nicht abgeschlossen. „Und wenn ich es wüsste, würde ich nichts sagen. Ich bin ja kein Spielverderber.“

Die Rolle der Carrie ist Irina von Bentheim mehr als nur ans Herz gewachsen. „Andere Charaktere beginnt man irgendwann zu hassen. Hier ist das anders.“ Carrie und Irina haben viele Gemeinsamkeiten, erschreckend viele sogar. „Sie schreibt, ich schreibe auch. Ich bin auch um die Häuser gezogen, als ich in der City wohnte.“ Die City, das ist für die gebürtige Berlinerin Charlottenburg, Wilmersdorf. „Und ich hatte auch einen Aidan und einen Mr. Big in meinem Leben.“ Nur Schuhe findet sie nicht so toll. „Ich investiere lieber in Reisen.“ Heute lebt sie in Wannsee, draußen im Grünen. Genau wie die echte Kolumnistin Candace Bushnell, die aus New York weggezogen ist.

Etwas allerdings nervt Irina von Bentheim an Carrie: „Ich bin stinksauer, dass sie ihren Verlobten Aidan hat laufen lassen.“ Ansonsten findet sie Carrie schon toll, nur deren gewagte Outfits nicht. Ein Nachthemd mit einer Ministrickjacke drüber würde Irina von Bentheim nicht anziehen: „Carrie sieht manchmal unmöglich aus.“ Wie die vier Freundinnen auf dem Bildschirm sind auch die Synchronsprecherinnen mit jeder Staffel enger zusammengerückt. „Wir gehen auch zusammen weg. Es ist seltsam. Wir haben alle völlig verschiedene Charaktere.“

Natürlich gibt es auch köstliche Momente. Wenn zum Beispiel Regisseur Theodor Dopheide seinen vier Damen erklären muss, auf welche sexuelle Wortspielerei oder Praktik der nächste Dialog anspielt. „Dann kriegt er leicht rosa Ohren.“ Angeblich hat er unheimlich viel über Frauen gelernt in dieser Serie. Nur was, das will er nicht sagen. Aber gerade das wäre wirklich interessant, findet sie. „Vor allem Männer meinen, sie müssten die Serie nicht sehen. Dabei kann man so viele Tipps darüber bekommen, was Frauen eigentlich wollen.“

Irina von Bentheim hat bei Rias2 gearbeitet, auf der Bühne gestanden, macht Lesungen und moderiert. Aber das Synchronsprechen hat einen besonderen Stellenwert für sie. „Die Stimme ist etwas sehr Sinnliches.“ Wenn sie eine Figur spricht, dann wird Irina von Bentheim für die Dauer eines Takes, einer Szene zu dieser Person. „Wo sonst in Deutschland hat man die Möglichkeit, in Hollywoodfilmen mitzumachen? Ich hatte mehrfach das Vergnügen, mit Brad Pitt zu schlafen.“ Als deutsche Stimme von Claire Forlani in „Rendezvous mit Joe Black“ oder als Synchronstimme von Julia Ormond in „Legenden der Leidenschaft“. Was sie Carrie für die letzte Staffel wünscht? Keinen Mr. Big mehr, der ihr den Kopf verdreht. „Auf den bin ich echt sauer!“ Und ein offenes Ende, damit Sarah Jessica Parker weiter drehen kann.

Sex and the City, Auswahl der besten Kolumnen von Candace Bushnell, gelesen von Irina von Bentheim, 2 CDs, 19,95 Euro, ab 23. Februar im Handel. Lesung am 21. Mai im BKA-Luftschloss, 20 Uhr, Karten 16 Euro

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