Die Geschichte der deportierten Nachbarn : Einen Totenschein gab es nicht

Ein Schöneberger erforscht die Biografien von Minna und Albert Neuburger, an deren Schicksal zwei Stolpersteine in der Jenaer Straße erinnern. Das Ehepaar musste seinen Platz im "Altersghetto Theresienstadt" schon in Berlin bezahlen.

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Rainer Faupels Recherche sucht nach der Lebensgeschichte, über die Daten der Stolpersteine hinaus.
Rainer Faupels Recherche sucht nach der Lebensgeschichte, über die Daten der Stolpersteine hinaus.Foto: Metropol

Am 9. Januar 1943 unterzeichnet das Ehepaar Neuburger seine letzte Vermögenserklärung. Neun Jahre zuvor waren Albert Neuburger – ein erfolgreicher Sachbuchautor, langjähriger Star des wissenschaftlich-technischen Feuilletons der „Berliner Morgenpost“ – und seine Ehefrau Minna aus ihrer großen Wohnung in der Neuen Winterfeldtstraße in Schöneberg in eine etwas kleinere, aber geräumige Wohnung im Bayerischen Viertel gezogen: in ein schönes Haus an der Jenaer Straße 7. Ihr nächster Umzug im Mai 1941 nach Moabit in die Agricolastraße, zwei Zimmer zur Untermiete, ist dann keine freiwillige Veränderung mehr. Im Herbst 1942 haben sie noch unter Einbeziehung aller verbliebenen Vermögensbestände einen „Heimeinkaufsvertrag“ abgeschlossen, der ihnen als angeblich Privilegierte für das „Altersghetto“ Theresienstadt Unterkunft, Verpflegung, Wäschepflege und ärztliche Betreuung auf Lebenszeit verspricht, vorbehaltlich „das Recht der anderweitigen Unterbringung“. Mitte Dezember 1942 werden sie ins Jüdische Altersheim Auguststraße 14/16 umquartiert, dort hausen bis zu zwölf Personen in einem Zimmer. Am 14. Januar geht für Minna Neuburger der Zug nach Theresienstadt, am 29. Januar für ihren gehbehinderten Mann. Er stirbt dort am 5. März an Durchfall und Darmentzündung, so steht es auf der amtlichen Todesfallanzeige, ausgestellt vom Ältestenrat des Ghettos. Für Minna Neuburger existiert solch ein Dokument nicht. Doch die Einäscherung ihre Leiche ist am 31. März verzeichnet, Sargnummer 14593.

Rainer Faupel lebt in dem Haus, das die Neuburgers sieben Jahre bewohnten. Der Jurist hat anhand von Dokumenten und Neuburgers Büchern und Artikeln versucht, Lebenswege und Lebenswerk der historischen Nachbarn zu rekonstruieren – über die Stolperstein-Daten hinaus. Sein Ziel, die Persönlichkeit nahezubringen, verfehlt er allerdings. Da der Autor fortwährend beteuert, er wisse leider nicht, wie Albert und Minna Neuburger diese oder jene Situation erlebt hätten, zugleich aber viel zeitgeschichtlichen Kontext liefert, hält er den Leser oft auf Schulbuch-Distanz. Auch die beabsichtigte Würdigung des Schriftstellers Neuburger bleibt eher blass, da sein Biograf zwar von spannenden Texten schwärmt, aber auf plastische O-Töne verzichtet. Trotzdem geht Faupels Recherche unter die Haut: wenn sachkundig von 16 Jahre dauernden Entschädigungs- und Wiedergutmachungsverfahren der Neuburger-Erben berichtet wird. Bis 1967 haben drei Berliner Finanzsenatoren (Friedrich Haas, Joachim Wolff, Hans-Günter Hoppe) und ihre Behörden sich bemüht, es den Antragstellern schwer zu machen.

Rainer Faupel: Berlin Jenaer Straße 7: Zwei von sechs Millionen. Zur Erinnerung an Albert und Minna Neuburger. Metropol Verlag, Berlin. 216 Seiten, 19 Euro.

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