Berlin : Die Gewaltspirale beenden

Überfallen, ausgeraubt oder bedroht? Was Jugendliche oder Eltern tun können

Sigrid Kneist

Viele Jugendliche haben schon die Erfahrung machen müssen, Opfer einer Gewalttat zu werden. Sie wurden bedroht, überfallen, ausgeraubt, erpresst, meist von Tätern, die ebenfalls minderjährig sind. Die Polizei schätzt, dass in manchen Kiezen 80 Prozent der deutschen Jugendlichen Opfer von Gewalttätern werden. Manche erwischt es dabei nicht nur einmal. Rund 24 000 Opfer, die jünger waren als 21 Jahre, verzeichnete die Polizeistatistik im vergangenen Jahr. Die tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen, da viele Jugendliche sich scheuen, zur Polizei zu gehen.

Stefan Bonikowski, Jugendbeauftragter der Polizeidirektion 5 (zuständig für Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln) kennt Fälle, in denen Jugendliche ein mehrwöchiges Martyrium erlitten, beraubt oder erpresst wurden. Diese trauten sich teils nicht mehr zur Schule – aus Angst, auf dem Weg dorthin den Peinigern zu begegnen. Die Eltern wussten von nichts und fielen aus allen Wolken, als die Schule sich meldete und alles ans Tageslicht kam. Dabei habe man nur dann die Möglichkeit, die Gewaltspirale zu beenden, wenn die Tat angezeigt werde, sagt Bonikowski. „Man muss den Tätern rechtzeitig die Grenzen aufzeigen.“ Auch sollten Eltern bei ihren Kindern darauf achten, ob sie Auffälligkeiten bemerken, und dann die Hintergründe erfragen. Und sie sollten, wenn eine Gewalttat dahintersteckt, auf jeden Fall auf dem Gang zur Polizei bestehen.

Der Polizist weiß aber auch von den Ängsten der jugendlichen Opfern, nach einer Anzeige den Hass oder die Rache der Täter erst recht auf sich zu ziehen. In der Regel seien diese Ängste aber „vollkommen unbegründet“, sagt er. Dieses versuche man den Opfern klarzumachen und ihnen so die Furcht zu nehmen. Auch den ermittelten Tätern werde sehr deutlich gemacht, dass sie ein schwerwiegendes Delikt begangen hätten, es sich aber um „ein Vielfaches verschlimmern“ werde, wenn sie ein Opfer bedrohten. Dann müssten sie nämlich auch mit einem Haftbefehl ohne Haftverschonung rechnen. Nach Bonikowskis Erfahrungen sind Jugendliche mit Migrationshintergrund besonders zögerlich, Gewalttaten anzuzeigen: „Da gibt es ein großes Dunkelfeld. Die wollen das lieber selber regeln.“

Auf keinen Fall sollen sich Jugendliche selber Waffen zulegen, sagt Bonikowski: „Die Täter lassen sich auf diese Weise nicht abschrecken.“ Außerdem wähne man sich dann in einer trügerischen Sicherheit und verlasse sich nicht mehr auf seinen natürlichen Instinkt, aus einem Gefahrenbereich wieder herauszukommen. Überhaupt rät Bonikowski den Jugendlichen, „auf ihr Bauchgefühl zu achten“. Wenn man beispielsweise bei der Begegnung mit einer bestimmten Gruppe ein mulmiges Gefühl habe, dann solle man durchaus auf die andere Straßenseite wechseln. Außerdem sollten Jugendliche versuchen, wenn sie sich bedroht fühlen, Öffentlichkeit zu schaffen. Sinnvoller, als einfach Hilfe zu rufen, sei es, Leute direkt anzusprechen und „diese aus der Anonymität herauszuholen“, so dass sie sich zum Eingreifen verpflichtet fühlen.

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